Eine strategische Bitte

von Christian Bahls

Entschuldigt bitte, wenn ich mich hier so nach vorne dränge, aber an dieser Stelle möchte ich aus strategischen Gründen kurz auf etwas hinweisen:

Aus dem intensiven Ausstausch, auch mit Beschneidungsbefürwortern, schälen sich für mich zwei Dinge deutlich heraus:

1.) Wir müssen aufhören die Debatte mit Hinweis auf die negative Bekenntnisfreiheit des Kindes unnötig zu belasten.

Natürlich hat das Kind auch eine negative Bekenntnisfreiheit, jedoch gibt man den Beschneidern mit einer Diskussion über Religionsfreiheit die Möglichkeit die Debatte in die falsche Richtung zu lenken.

Es ist dem Schutz des (eventuell betroffenen) Kindes aber nicht dienlich sich jetzt in der Debatte in diese Richtung ablenken zu lassen. Zumal der Gesetzesentwurf gar keinen Bezug auf religiöse Motive nehmen wird (s.u.).

Kern der Debatte ist das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit. Und ganz eng an diesem Recht des Kindes müssen wir argumentieren - das ist der Knackpunkt, dann werden wir gewinnen.

Es gibt nämlich kein Freiheitsrecht welches erlaubt in den Körper eines Anderen einzudringen - schon gar nicht mit einem Messer oder einem Skalpell in die Haut des Kindes bei der Beschneidung.

Da gibt es auch keine Abwägung von Freiheitsrechten - wie die behauptete und angeblich so notwendige zwischen dem Recht auf Körperliche Unversehrtheit und der Religionsfreiheit.

Wie Herr Professor Merkel sehr deutlich in seinem Artikel "Die Haut eines Anderen" demonstriert, endet die Freiheit jedes einzelnen spätestens an der Haut des Anderen.¹

2.) Wir müssen endlich begreifen, dass ein Gesetz zur Legitimierung und Legalisierung der zwangsweisen Amputation von Penisvorhaut an nicht-einwilligungsfähigen Jungen weder Bezug auf Religiöse Motive, noch auf des Geschlecht des Kindes nehmen wird, um nicht sofort an Differenzierungsverbot in Artikel 3 Grundgesetz zu scheitern.

Niemand darf wegen seines Geschlechtes oder seiner Religion bevor- oder benachteiligt werden. Deswegen wird in dem Gesetzesentwurf auch nur von Zirkumzision die Rede sein - ohne Bezug auf darauf, dass jede an Jungen gemeint ist.²

Auch wird diese Zirkumzision aus jedwedem noch so nichtigen nicht-therapeutischen Grund erlaubt werden. Uns wurde jetzt schon von einem Fall berichtet, bei dem eine (durch sexualisierte Gewalt betroffene) Mutter ihrem Sohn bei der Geburt im Februar aus ästhetischen Gründen die Vorhaut amputieren lassen will.

Das Recht der Eltern, im Namen des Kindes therapeutischen Eingriffe zuzustimmen, ist ein treuhänderisch vom Staat verliehenes Recht, dieses wird den Sorgeberechtigten verliehen, wenn der Aufschub der Einwilligung in den therapeutischen Eingriff bis zur Einwilligungsfähigkeit des Kindes nicht dessen Wohl dient.

Die Debatte dreht sich aber um die nicht-therapeutische Amputation gesunden, funktionalen und sensiblen Gewebes bei nicht-einwilligungsfähigen Personen.³

Gerade weil die Unbedenklichkeit dieser Eingriffe nicht erwiesen ist und schon verschiedentlich gezeigt wurde, dass die Folgen teilweise verheerend sind, wäre eine Einwilligung in einen solcher Eingriff nicht einmal aus general-präventiven Gründen statthaft.

Dass einige Gegner der körperlichen Unversehrtheit von Kinder hier mit einem Mangel an schlüssigen Studien argumentieren lässt eigentlich nur auf einen Mangel an Empathie denjenigen gegenüber schließen, die sich jetzt getraut haben offen über diese Verletzung ihrer Integrität und die Einschränkungen die daraus folgen zu sprechen.

Ich würde wie Ihr diesen Kampf für die Rechte des Kindes wirklich gerne gewinnen, ich hoffe diese strategischen Überlegungen helfen uns dabei.

viele liebe Grüße

Christian Bahls

¹ (davon unbenommen gibt es Abwehrrechte, Notwehr wäre so ein Beispiel)
² (davon abgesehen, dass die Entfernung der Labien bei Mädchen und Frauen früher - und im englischen Sprachraum noch immer - Zirkumzision genannt wurde und wird)
³ (Erwachsene mögen sich in Kenntnis der Folgen willentlich und wissentlich Körperteile nach ihrem Wunsch entfernen lassen)

PS: Wenn Beschneidung gegen Infektionskrankheiten helfen würde - warum hat dann die USA - ganz im Gegensatz übrigens zu Deutschland - eine so hohe Neuansteckungsrate für HIV unter heterosexuellen (und zum größten Teil beschnittenen) Männern? Könnte es daran liegen, dass Kondom-Benutzung für beschnittene Männer wege der verringerten Empfindsamkeit noch unattraktiver ist als für unbeschnittene?

PPS: Ich habe den Artikel geschrieben, weil ich denke, dass eine Reduktion auf die zentralen Punkte der Debatte förderlich ist. Wenn wir versuchen zu viele Probleme auf einmal zu lösen, dann werden wir scheitern. Lasst uns also auf jene konzentrieren, die wir jetzt gewinnen können!