Ein Appell an den Deutschen Kinderschutzbund

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Sehr geehrte Damen und Herren

Den offenen Brief des Herrn Bachl kennen Sie. Er hat mich beim ersten Lesen tief bewegt, ich habe ihm deswegen auch bei uns eine Plattform gegeben: mogis-und-freunde.de/../brief-eines-betroffenen.

Im Moment erweckt der Deutsche Kinderschutzbund und insbesondere sein Präsident Heinz Hilgers den Eindruck, als verlöre er die Interessen der Kinder aus dem Blick.

Es scheint so, als ob man Eltern zugestehene möchte, aus jeglichem nicht-therapeutischen - und damit noch so nichtigen Grund - eine Entscheidung darüber zu treffen, ob deren Sohn als Erwachsener über intakte Sexualorgane verfügen darf, oder nicht.

Manche mögen diese Debatte als überraschend und aufgebauscht wahrnehmen. Sie ist es aber nicht. Latent ist dieses Thema schon eine ganze Weile in der Diskussion. Es war bisher nur schwierig die verschiedentlich geäußerten Bedenken in das allgemeine Bewusstsein zu heben.

Es bestand schon frühzeitig die Befürchtung als Vertreter der Rechte des Kindes in die falsche Ecke geschoben zu werden. Die Reaktionen, die Befürworter genitaler Integrität oder auch manche Betroffene von Vorhautamputationen jetzt erfahren, zeigen, dass diese Befürchtungen nicht zu Unrecht bestanden.

Insofern sind die denkanstoßenden Artikel des Herrn Putzke und vieler anderen nachdenklicher Juristen und Mediziner der letzten Jahre als geradezu mutig zu bezeichnen. Zumal wenn man, wie jetzt auch von anderen Personen (auch Betroffenen die sich geoutet haben), hört, dass man sich damit Diffamierungen oder auch direkter Bedrohungen aussetzt.¹

Eine Legalisierung solcher Eingriffe, da solche Operationen sonst im Ausland gemacht würden, kann kein Argument sein, da
a) schon jetzt ein nicht geringer Teil dieser Operationen im Ausland stattfinden (s. Ali Utlu -> siegessaeule.de/../beschneidung-traumatisch-und-der-horror)
b) eine Rechtverletzung nicht dadurch statthaft werden darf, dass nur genug Personen damit drohen sie im Ausland zu begehen,
c) vielen Eltern ein Verbot im Rücken helfen würde sich gegen ihre Beschneidungs-fordernde Umgebung durchzusetzen.

Uns persönlich hat folgende Debatte forum.piratenpartei.de/p=206344 im September 2009 in einem Forum der Piratenpartei angestoßen und zum Nachdenken gebracht. Verstärkt wurde dieser Prozess zudem durch die Erfahrung, dass die Ungleichbehandlung von Jungen und Mädchen beim Schutz der genitalen Integrität, sogar durch die Gegner der weiblichen Genitalverstümmelung verteidigt wurde. Ohne jetzt die katastrophalen Folgen der pharaonischen Beschneidung verhamlosen zu wollen, gibt es doch auch Arten der Genitalverstümmelung bei Mädchen, die sehr wohl mit der Vorhautamputation bei Jungen vergleichbar sind. (siehe auch: mogis-und-freunde.de/../an-christine-lambrecht/ ).

Das Urteil des Landgerichts Köln (files.wordpress.com/../151-ns-169-11-beschneidung.pdf) hat jetzt für viele den Kristallisationspunkt geliefert, an dem dieses Thema endlich in Öffentlichkeit gebracht werden konnte.

Manche hielten das, was Heute gerne als "Beschneidung" verniedlicht oder durch das Wort "Zirkumzision" verschleiert wird, für eine Form von Folklore - eine wenn schon nicht-nachvollziehbare so aber vielleicht noch tolerable Tradition.

Tolerabel war diese Praxis vielleicht auch, weil sie einen selbst nicht betraf - Viele haben das Glück in eine Familie geboren zu werden in der nicht über den eigenen Kopf hinweg entschieden wurde diesen Teil des Körpers zu entfernen und damit das spätere Sexualleben so grundlegend zu beeinflussen (zu den Folgen auch: mogis-und-freunde.de/../aus-der-sicht-einer-frau/ ).

Kern der Debatte ist das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit.

Ganz eng an diesem Recht des Kindes müssen wir uns orientieren. Es gibt nämlich kein Freiheitsrecht welches erlaubt in den Körper eines Anderen einzudringen - schon gar nicht mit einem Messer oder einem Skalpell in die Haut des Kindes bei der Beschneidung.

Wie Herr Professor Merkel in seinem Artikel "Die Haut eines Anderen" demonstriert, endet die Freiheit jedes einzelnen spätestens an der Haut des Anderen.  (sueddeutsche.de/../die-haut-eines-anderen ) Wie er sehr deutlich zeigt gibt es auch keine Abwägung von Freiheitsrechten gegen die körperliche Unversehrtheit von anderen Personen (wie jene behauptete und angeblich so notwendige Abwägung zwischen dem Recht auf Körperliche Unversehrtheit des Kindes und der Religionsfreiheit der Eltern).

Niemand darf wegen seines Geschlechtes oder seiner Religion bevor- oder benachteiligt werden.² Deswegen wird in dem Gesetzesentwurf auch nur von "Zirkumzision" die Rede sein - ohne Bezug auf darauf, dass damit jene an Jungen gemeint ist (in der heimlichen Hoffung, dass trotzdem nur Jungen gemeint sind - eine trügerische Hoffnung, da die Entfernung der Labien bei Mädchen und Frauen früher - und im englischen Sprachraum noch immer - Zirkumzision genannt wurde und wird)

Auch wird diese "Zirkumzision" aus jedwedem noch so nichtigen nicht-therapeutischen Grund erlaubt werden.

Um ihnen auch zu erläutern, wohin wir die Debatte abgleiten sehen: Uns wurde gerade der Fall einer schwangeren Frau zur Kenntnis gegeben, die an einer Traumatisierung durch sexualisierte Gewalt in ihrer Kindheit leidet. Diese möchte ihren Sohn gleich nach seiner Geburt im nächsten Jahr, aus ästhetischen Gründen, die Vorhaut entfernen lassen. Ihre Hebamme unterstützt sie in ihrem Bestreben, schließlich helfe diese Maßnahme auch gut gegen übermäßiges Masturbieren.

Das Recht der Eltern, im Namen des Kindes therapeutischen Eingriffe zuzustimmen, ist ein treuhänderisch vom Staat verliehenes Recht, dieses wird den Sorgeberechtigten verliehen, wenn der Aufschub der Einwilligung in den therapeutischen Eingriff bis zur Einwilligungsfähigkeit des Kindes nicht dessen Wohl dient.

Die Debatte dreht sich aber um die nicht-therapeutische Amputation gesunden, funktionalen und sensiblen Gewebes bei nicht-einwilligungsfähigen Personen - Erwachsene mögen sich in Kenntnis der Folgen willentlich und wissentlich Körperteile nach Wunsch entfernen lassen.

Gerade weil die Unbedenklichkeit dieser Eingriffe nicht erwiesen ist und schon verschiedentlich gezeigt wurde, dass die Folgen teilweise verheerend sind, wäre eine Einwilligung in einen solcher Eingriff nicht einmal aus general-präventiven Gründen statthaft.

Die Argumentation, man könne nicht wissen welche negativen Folgen dieser Eingriff habe und man müsse deswegen den Eltern die Entscheidung überlassen, gerade auch weil schlüssige Studien über die Auswirkungen fehlen würden, greift auch nicht. - Gerade weil es sich hier nicht um einen therapeutischen Heileingriff handelt, bei dem eine Abwägung nach Nutzen und Risiken statthaft und die Suche nach dem geringst invasiven Mittel notwendig wäre, ist jegliches Risiko bei diesem Eingriff abzulehnen.

Davon abgesehen, ist doch aber geradezu augenscheinlich, dass es eine nicht geringe Anzahl von Betroffenen gibt, die unter den Folgen einer Amputation der Penisvorhaut leiden, und sich jetzt endlich öffentlich dazu äußern -zudem gibt es auch verschiedene Materialsammlungen, die Komplikationen dokumentieren, z.B. beschneidung-von-jungen.de/../komplikationen.html pflegewiki.de/../Komplikationen-der-Beschneidung.

Dass einige Gegner der körperlichen Unversehrtheit von Kinder hier mit einem Mangel an schlüssigen Studien argumentieren lässt eigentlich nur auf einen Mangel an Empathie denjenigen gegenüber schließen, die sich jetzt getraut haben offen über diese Verletzung ihrer Integrität und den daraus folgenden Einschränkungen zu sprechen.

Wenn nun schon mit Studien aus den USA Argumente herangezogen werden - aus einem Land, dass noch nichteinmal die Kinderrechtskonvention ratifiziert und damit auch nicht das Kind als eigenen Grundrechts-Träger etabliert hat - dann könnte man sich doch auch fragen: Wenn es den in diesen Studien behaupteten generalpräventiven Effekt gäbe, warum ist dann unter den industrialisierten Ländern der Welt die USA das Land mit der höchsten Neuansteckungsrate für HIV unter heterosexuellen (jund größtenteils "beschnittenen") Männern?

Wenn man schon Studien zitiert, läge es dann nicht näher solche zu nehmen, die unserem Kulturkreis näher stehen und mehr Belang für unsere Situation haben?

In den Niederlanden hat die Königliche Gesellschaft zur Förderung der Medizin mit Ihren 53.000 Mitgliedern schon 2010 deutlich Stellung gegen die nicht-therapeutische Vorhautamputation bei Jungen genommen: beschneidung-von-jungen.de/../knmg-standpunkterklaerung-zur-nicht-therapeutischen-beschneidung.

Auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.) und die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin e.V., der Dachverband der kinder- und jugendmedizinischen Gesellschaften (http://dakj.de/../Stellungnahme_Beschneidung.pdf ),  äußern sich dazu, dass das Kindeswohl und das Recht der Kinder auf körperliche Unversehrtheit an erster Stelle stehen muss und wenden sich gegen die „Bagatellisierung der Beschneidung als Form der Körperverletzung, bei der es auch zu lebenslangen körperlichen und seelischen Verletzungen kommen kann.“

Ein gesetzliches Verbot nicht-therapeutischer Vorhautamputationen wäre auch nicht beispiellos oder ein irgendwie gearteter deutscher Sonderweg. In Schweden ist diese für Kinder ab einem Alter über 2 Monaten bereits seit 2001 verboten. Inzwischen gehen die Bemühungen in Schweden sogar dahin diese Praxis komplett abzuschaffen.

In dieses Klima kommt jetzt der Entwurf eines Gesetzes, welches jegliche "Zirkumzision"² aus jedem - noch so nichtigen - nicht-therapeutischen Grund erlauben wird. Auch eben eine solche wie im Fall der oben erähnten Mutter und ihrem Interesse an einer "ästhetischeren" Gestaltung der Geschlechtsorgane ihres Sohnes.³

Gerade auch deswegen sehen wir es für Sie und die von Ihnen gewünschte Wahrnehmung als "die Lobby für Kinder" als sehr fatal an, dass Sie jetzt  - ohne sich dessen vielleicht gewahr zu sein - so einseitig eine Kompromissbereitschaft signalisieren wo es für Vertreter der Rechte und des Schutzes des Kindes keine Kompromissbereitschaft geben kann - nämlich beim Recht des Kindes auf körperlich Unversehrtheit.

Überzeugen Sie bitte Ihren Vorstand das Lobbying für des angebliche "Recht der Eltern über die (Un)-Vollständig der Sexualorgane ihrer Kinder zu bestimmen" einzustellen. Er möge doch bitte die Vertretung dieser Position jenen Verbänden überlassen, die bereits jetzt dafür kämpfen die Rechte des Kindes ihren Traditionen unterzuordnen.

Wenn der Deutsche Kinderschutzbund sich an dieser Stelle nicht endlich eindeutig auf der Seite des Rechte des Kindes positioniert, dann braucht es ihn auch nicht mehr.

Wir bitten Sie: zeigen Sie Empathie mit den Kindern, die durch diese unnötige Operation und dessen Folgen gequält werden.

Helfen Sie mit, diese Praxis zu beenden und damit auch das Leid, das über viele Menschen gebracht wird.

Viele Grüße

MOGiS e.V. - Eine Stimme für Betroffene

PS: Zur Weiterführenden Information bietet sich die Webseite http://pro-kinderrechte.de an. Insbesondere die Seiten http://pro-kinderrechte.de/faq/ und http://pro-kinderrechte.de/links/ enthalten wertvolle Resourcen

Fußnoten:

¹ (Der Betroffene Ali Utlu hatte zuletzt ein abgeschnittenes Schweineohr in seinem Briefkasten gefunden - mit der Notiz, er wäre der nächste)
² (Das Gesetz wird, aus Gleichbehandlungsgründen und damit es nicht sofort am Differenzierungsverbot des Art 3 GG scheitert, davon absehen bei der dann zu erlaubenden Zirkumzision Bezug auf etwaige religiöse Motivationen oder das Geschlecht des Kindes zu nehmen)
³ (hinter möglichen hygienischen Gründen kann man sich immer verstecken. In  Anbetracht der Unklarheit, ob diese behaupteten Vorteile tatsächlich zutreffen. müsste aber erstmal die Unschädlichkeit mittels aussagekräftiger Studien nachgewiesen werden. Diese Studien gibt es derzeit nicht in ausreichendem Maße, zumal mit Bezug auf die industrialisierte Welt, ein Faktum, das gerne unterschlagen wird. Zudem wird der Nachweis der Unschädlichkeit sehr schwer zu führen sein, wie man an den zahlreichen Berichten von Betroffenen sehen kann, die sich jetzt melden)