Pressemitteilung: Runder Tisch zum Thema “Sexueller Kindesmissbrauch”: Wo waren die Opfer?

In Berlin fand am Freitag, dem 23.04.2010, der Runder Tisch "Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Macht­verhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich" statt.

Neben der Familien-, Justiz- und Bildungsministerin und der unabhängigen Beauftragten für die Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, waren 57 Vertreter der unterschiedlichsten Organisationen am 23.04.2010 nach Berlin geladen. Vertreten waren der Bundestag, die Länder, Städte und Gemeinden, die Katholische und die Evangelische Kirche, Sportverbände, Kinder- und Jugendverbände, Kinderschutzorganisationen, Juristen und viele mehr.

Nur diejenigen, die es betrifft, die Opfer, waren am Runden Tisch in Berlin an diesem Tag unterrepräsentiert. Vertreten waren sie nur durch 4 Organisationen und die Sonderbeauftragte für die Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, Frau Dr. Bergmann.[^1]

Weitere Opferverbände, die mit der Bitte um Teilnahme an das Familienministerium herantraten, wurden darauf verwiesen, dass sie durch die Sonderbeauftragte Frau Dr. Bergmann ausreichend vertreten wären.

Diese Herangehensweise mag hilfreich für diejenigen Missbrauchsbetroffenen sein, die anonym bleiben wollen und darauf angewiesen sind, dass jemand die Stimme für sie erhebt.

Tragisch ist dies für die Betroffenen, die sich bereits selber eine Stimme gegeben haben. Diese eigene Stimme wird ihnen nun genommen, indem sie jetzt wiederum fremdvertreten werden.

Der Verein MOGiS e.V. - ein gemeinnütziger Verein von Missbrauchsbetroffenen, der Belange und Interessen von Missbrauchsbetroffenen in der Politik vertritt - bemüht sich schon seit geraumer Zeit, mit dem Familienministerium ins Gespräch zu kommen. Die Teilnahme dieses Vereins und zahlloser anderer Betroffenenorganisationen wurde auch auf Nachfrage nicht berücksichtigt.

Gabriele Gawlich, 2. Vorsitzende von MOGiS, beschreibt die Bemühungenwie folgt: " Der Verein hat sich bereits im April 2009, im September 2009, im November 2009 mit Gesprächsangeboten an die damalige Familienministerin Frau Dr. Ursula von der Leyen gewandt. Auch der Kontakt mit der amtierenden Familienministerin Frau Dr. Kristina Schröder wurde gesucht. Alle diese Gesprächsangebote wurden ignoriert. Nicht einmal auf der Fachebene kam ein Dialog zustande."

Der 1. Vorsitzende von MOGiS e. V., ergänzt dazu: "Es kann doch einfach nicht sein, dass es soviel einfacher ist, mit der Europäischen Kommission zu sprechen - wozu ich letzte Woche in Brüssel die Gelegenheit hatte -, als in Deutschland als Verein von Missbrauchsbetroffenen an einem Runden Tisch für die Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs teilzunehmen. Wenn man im Ministerium zu dem Thema anruft, dann landen sie in der Pressestelle, der Telefonzentrale und dem Pförtner in Bonn, nicht aber beim zuständigen Sachbearbeiter."

Es scheint also, als werde weiterhin eher - über und für - und wenig mit Missbrauchsbetroffenen gesprochen. Doch auch sie sind, wenn auch auf eine tragische Art und Weise, Experten, wenn es um das Thema sexuelle Gewalt an Kindern geht.

Sie hätten mit ihrer eigenen Perspektive zur Diskussion beitragen können. Als Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs können sie beschreiben, was ihnen geholfen hätte, um die Taten zu verhindern. Sie hätten zeigen können, welche Wege gegangen werden können, um die Taten aufzuarbeiten und die Folgen zu überwinden. Darum wäre es eigentlich nur logisch und geradezu sachdienlich, die Betroffenen auch am "Runden Tisch" zu hören. Leider geschah gerade das nicht.

[^1]: [Zusammensetzung des Runden Tisches gegen Kindesmissbrauch]( "Aufschlüsselung der Zusammensetzung des Runden Tisches gegen Kindesmissbrauch")

Zum Verein MOGiS e.V.:

MOGiS wurde am 01.04.2009 als "MissbrauchsOpfer gegen InternetSperren" gegründet.

Nach Ende der Sperrdiskussion in Deutschland hat MOGiS e.V. seine Ziele erweitert und versteht sich inzwischen als "Eine Stimme für Betroffene". Mit dem MOGiS e.V. treten Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs für die Belange von Missbrauchsbetroffenen ein.