Offener Brief an Sebastian Edathy

Sehr geehrter Herr Edathy,

dieser offene Brief ist die Antwort auf den Artikel mit der Zusammenfassung Ihres Interviews im Spiegel online vom 16.03.2014.

Innerhalb des Vereines MOGiS e. V. - Eine Stimme für Betroffene - war ich diejenige, die Sie bis gestern mit Verweis auf die Unschuldsvermutung in Schutz genommen hat.

Dies ist jetzt vorbei.

Mir ist es dabei völlig gleichgültig, ob Sie pädophil sind oder nicht. Es ist allgemein bekannt, dass sexuelle Gewalt an Kindern hauptsächlich von nicht-pädophilen Tätern und Täterinnen ausgeübt wird.

Aber mit Ihrer Argumentation stellen Sie sich in eine Reihe mit pädokriminellen Tätern und Täterinnen.

Der Verweis auf die lange Tradition in der Kunstgeschichte wird schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts von der Klientel der „Boylover“ benutzt – auch das ist inzwischen Tradition. Allerdings wird er dadurch nicht wahrer und richtiger, er ist impertinent. Wenn Sie Kunstobjekte hätten betrachten und genießen wollen, hätten Sie Kunstobjekte gekauft oder entsprechende Ausstellungen besucht.

Aber mit Ihrer verharmlosenden Argumentation haben Sie in Erinnerung gerufen, dass sexuelle Gewalt an Kindern eine jahrtausendealte brutale Tradition ist. Und es ist ebenso eine jahrtausendealte Tradition, diese Gewalttaten mit „Kunst“ oder „Liebe“ zu bemänteln.

Sie hätten nicht deutlicher zeigen können, auf welcher Seite Ihre Sympathien sind!

Sie benutzen das Wort „Kinderpornografie“ in Ihrer Erklärung. Damit verschleiern Sie wissentlich, worum es wirklich geht: Jedes Bild, jedes Foto ist der Beweis für den sexuellen Missbrauch eines Kindes bzw. Jugendlichen. Und die Produktion von Filmen und Bildern mit unbekleideten Kindern und Jugendlichen ist zumindest als Machtmissbrauch zu klassifizieren. Die Opfer werden zu Objekten degradiert und damit entmenschlicht, ohne dass sie die Möglichkeit eines Negativvotums hätten.

Die Tatsache, dass es in Deutschland nicht verboten ist, Bilder von unbekleideten Kindern und Jugendlichen zu besitzen, entschuldigt Sie nicht. Denn es betrifft nicht Ihre, sondern die Privatsphäre der Opfer.

Darum frage ich Sie:

Haben Sie nur einmal an die verletzte Würde der abgebildeten Kinder und Jugendlichen gedacht?

Glauben Sie ernsthaft, die Betroffenen waren zum Zeitpunkt der Produktion der Filme und Bilder befähigt, die Tragweite dieses Geschehens für ihr gesamtes Leben zu erkennen?

Glauben Sie wirklich, die Betroffenen haben freiwillig zugestimmt, dass Filme und Bilder ihrer unbekleideten Körper von fremden Menschen gekauft und betrachtet werden?

Die abgebildeten Kinder und Jugendlichen leben (wahrscheinlich) noch. Sie müssen ihr ganzes weiteres Leben damit zurechtkommen, dass Menschen wie Sie ihre Würde verletzt haben.

Bitte denken Sie endlich darüber nach, was Sie diesen Jungen angetan haben!

Sie haben – auch durch Steuergelder, die Missbrauchsbetroffene erarbeitet haben – finanzielle Sicherheit erlangt. Nun beklagen Sie, dass Sie nicht wissen, wie sich Ihr zukünftiges Leben gestalten wird.

Ich habe kein Mitleid mit Ihnen!

Betroffene von Missbrauch haben bis heute keine ausreichende Entschädigung, kein Ausgleich für ihr Leid erhalten. Sie müssen bis an ihr Lebensende mit den Einschränkungen zurecht kommen, die ihnen durch Kriminelle zugefügt wurde. Viele von ihnen leben in äußerster Armut. Diese Menschen brauchen die Solidarität der gesamten Gesellschaft.

Ihnen gehört mein Mitleid.

Herr Edathy: Kommen Sie nach Deutschland und arbeiten Sie mit den Ermittlungsbehörden zusammen – übernehmen Sie endlich die Verantwortung für Ihr Tun!

Gabriele Gawlich

Zweite Vorsitzende MOGiS e. V. - Eine Stimme für Betroffene

Mitunterzeichner:

Christian Bahls

Erster Vorsitzender MOGiS e. V. - Eine Stimme für Betroffene