Frau von der Leyens Rede anlässlich der Preview-Veranstaltung zur CeBIT 2010


Frau von der Leyen hat anlässlich der CeBIT-Preview Veranstaltung am 23.11.2009 (damals noch als Familienministerin) eine Rede gehalten. Stefan Becker hat sie mit viel Fleiß transkribiert, und sie unter CC0 (gemeinfrei) veröffentlicht.

Ja, vielen Dank Herr Raue. Meine Damen und Herren. Ich freue mich, dass ich heute Abend einige dieser Gedanken mit Ihnen teilen kann. In der Tat, die CeBIT 2010 hat das Motto "connected worlds " und Sie werden über die Themen ­ Sie haben eben Breitbandnetze angesprochen, Sie haben Informationstechnik und Wissensprozesse angesprochen.

Ich habe als Bundesjugendministerin in den vergangenen Monaten etwas erlebt, was man vielleicht eher als den Zusammenprall scheinbar unvereinbarer Welten bezeichnen kann. Sie alle sind informiert über die Initiative gegen Kinderpornographie im Internet. Ein sicherlich von allen geteiltes wichtiges Anliegen. Und diese Initiative ist in kürzester Zeit eher zu einem Symbol geworden für die Fremdheit, für die Sprachlosigkeit, wenn ich das mal etwas Holzschnitt artig mache, zwischen engagierten Politikerinnen und Politikern und engagierten Internetnutzerinnen und Internetnutzern. Es ist von einem "clash" die Rede gewesen, es ist von einem digitalen Generationenkonflikt die Rede gewesen. Wenn man es sehr vereinfacht, dann war die Haltung in etwa so bei der Internetgemeinde: Es kann doch nicht sein, dass der Staat Internetseiten sperrt. Und auf der Seite der Kinderschützer die Haltung: Es kann doch nicht sein, dass im Internet die Bilder von Vergewaltigungen von Kindern frei zugänglich sind. Wenn man genauer hinschaut, dann sind die Fronten nicht so klar.

Selbstverständlich sind auch Kinderschützer und Politiker im Netz unterwegs und selbstverständlich sind Internetaktivisten auch gegen Missbrauch von Kindern und setzen sich sehr aktiv bei diesem Thema auch ein. Mit anderen Worten: die Verbindung dieser scheinbar unvereinbaren Welten ist kein Ding der Unmöglichkeit. Mich hat manchmal erinnert, die Prozesse, die ich jetzt in der Rückschau auch klarer sehe, an Phänomene, die sich vielleicht auch gezeigt haben, wenn man das mal in einem größeren historischen Kontext betrachtet, bei der Entdeckung neuer Kontinente. Da sind auch Menschen gegangen, weil sie zu sehr reglementiert waren, im wahrsten Sinne des Wortes, im alten Europa. Sie sind in neue Welten aufgebrochen. Es herrscht oft zunächst das Recht des Stärkeren. Es herrscht aber auch Selbstorganisation in einem ganz hohen Masse und Staatsferne, im besten Sinne, in ganz hohem Masse. Und es kam zu den uns allen bekannten Konflikten mit der so genannten "alten Welt".

Darauf will ich gar nicht eingehen, sondern das Spannende ist, wenn man sich das anschaut, und das ist immer wieder bei Entwicklungsprozessen, wenn "neue Wege" gegangen sind, neue Kontinente, neue Gedankenwelten eröffnet worden sind, dass dadurch, dass keiner in einem abgeschotteten Raum lebt oder auf einer Insel lebt, die Kommunikation auch dazu geführt hat, dass es eine positive Rückkopplung zwischen beiden Welten gegeben hat und damit auch eine Weiterentwicklung.

Wenn wie mal das einfache Beispiel der Entdeckung Amerikas nehmen, was hat das für Auswirkungen gehabt auf die französische Revolution, aber was hat das heute auch noch für Auswirkungen: Demokratie, Freiheit, Sozialschutz. Für Auswirkungen auf die Diskussion zwischen "good ol' Europe" und den USA bestehen.

Wenn wir uns heute die anschauen, die aufbrechen in eine andere Welt, dann sind es die "digital natives". Die Jugendlichen von heute sind ganz selbstverständlich im und mit dem Netz unterwegs. Ich möchte ihnen trotzdem nochmals die Zahlen nennen, die ihnen wahrscheinlich allen bekannt sind. Über 60% aller 12 bis 19 Jährigen sind täglich im Netz, weitere 20% mehrmals wöchentlich. 57% dieser Altersgruppe besuchen regelmäßig die "online communitys". Das sind Zahlen von 2007, mit anderen Worten, sie werden heute wahrscheinlich noch etwas höher sein. Diese jungen Menschen sind sehr selbstbewusst und vollständig kompetent in dieser Welt. Das konnte man auch spüren in der Diskussion um die Sperrung kinderpornographischer Seiten. Spannend war zu erleben, wie in unzähligen Blogs und Foren diskutiert wurde über für und wieder, was darf man, was darf man nicht. Auch wie haarklein auseinander dividiert wurde, wie man die Technik der Sperren der Seiten in Sekunden schnelle umgehen kann.

Die Frage ist, und die müssen wir uns gemeinsam stellen: Was soll das beweisen? Ich glaube auch in der Netzgemeinde wird niemand bestreiten, dass es kein Recht darauf gibt alles zu tun ­ ob online oder offline, was technisch möglich ist. Und umgekehrt wird glaube ich auch niemand dabei stehen bleiben zu sagen: naja, Politik muss dann kapitulieren, wenn sie technischen Hindernissen ausgesetzt ist.

Nochmal die Zahlen beim Thema der Kinderpornographie: 1998 wurde im us­ amerikanischen "child victim identification programm" des "national center for missing and exploited children" bereits 100.000 Abbildungen kinderpornographischer Ausbeutung registriert im Netz. Diese Zahl ist bis Ende 2008 bereits auf 15 Millionen gestiegen. Wir haben es nicht sehr stark thematisiert. In eingeweihten Kreisen, sicherlich. Bei Jugendschützern, Kinderschützern oder auf dem Feld der obersten Polizeibehörden. Aber es ist nicht ein offenes und öffentliches Thema gewesen. Es ist und war da. Und hier geht es nicht nur um die Diskussion um Technik. Es geht letztlich auch nicht um eine Diskussion um "alte Welt" oder "neue Welt".

Es geht um Grundsätzlicheres. Es geht um die hoch interessante Debatte, die diese symbolische Diskussion um Internetsperren kinderpornographischer Seiten ausgelöst hat. Nämlich die Debatte: Was heißt "Freiheit im Netz" und wo hat sie Grenzen? Hat sie Grenzen? Was heißt Recht, Durchsetzung des Rechtes, im Alltag oder online. Was heißt die Abwägung im Netz zwischen Meinungsfreiheit und Menschenwürde? Beides Grundrechte der Menschen, aber manchmal in einem eklatanten Konflikt miteinander stehen können. Und global heißt es natürlich auch die Wertediskussion, die wir auch an anderen Stellen der Gesellschaft führen, nämlich die Diskussionen, die notwendig sind, in beiden Welten ­ online und offline ­ die Frage zu stellen, wie können Menschenwürde, wie kann Recht, wie kann Gesetz aber wie kann eben auch Freiheit lebbar sein? Eine Diskussion, die wir im Alltag kennen, aber die online genau so geführt werden sollte.

Letztlich ist das Internet ein Instrument, ein Medium, wenn auch ein absolut geniales. Und wenn man sich mal die beiden Seiten anschaut, die wir in den letzten Monaten vielleicht erlebt haben, dann zeigt das nur um so deutlicher, dass es nicht nur um Technik geht, dass es nicht nur um Dienstleistung geht, sondern, dass es um die Metaebene auch geht, die diese Welt auch so spannend macht wenn man in die Zukunft schaut.

Einerseits haben wir erlebt, dass über das Internet Menschen für Demokratie und Freiheit im Iran eintreten, damit wurde es zu dem Sprachrohr von Freiheit. Und auf der anderen Seite haben wir durch die Diskussion um kinderpornographische Seiten erlebt, dass Menschen das Internet nutzen um die Bilder missbrauchter Kinder zu verkaufen oder sie auszutauschen. Und damit wurde das selbe Medium zum Handelsplatz, dessen Nachfrage erst die Produktion weltweit in diese astronomischen Zahlen angeheizt hat.

Das Internet ist, so wie die Globalisierung, keine neue Welt. Es ist keine Welt, die irgendwie die Werte, die Menschenrechte, die Regeln für das Zusammenleben der Menschen auf den Kopf stellt. Nein, es sind neue Formen, die uns dann herausfordern Antworten auf die Einhaltung der universellen und der unteilbaren Grundrechte in sehr sehr viel komplexerer Form zu finden. Und diese Antworten müssen wir geben. Wir

Und deshalb ist es so wichtig, dass diese Diskussionen um die Fragen Freiheit, Recht, Menschenwürde im Netz genau so sorgfältig, genau so differenziert geführt werden, wie wir sie anderswo führen und zwar auf einer ganz breiten gesellschaftlichen Basis.

Ich persönlich habe aus dieser STOPP­Schild­Debatte der vergangen Monate gelernt, dass wir dieses relativ spät erkannt haben. Wenn ich "wir" als "Politik" spreche. Also, dass Politik viel frühzeitiger Menschen einbinden muss in diese Prozesse. Aber ich habe genau so auch erlebt, nicht ahnend, was man durch das berechtigte Anliegen Kinderpornographie auf allen Ebenen zu bekämpfen, wie andere Europäische Staaten es seit Jahren bereits auch schon tun, durch dieses berechtigte Anliegen plötzlich einen Katalysatorprozess erlebt, damit etwas überhaupt diskutiert wird.

Dieses Thema, Kinderpornographie im Internet, ist kein Thema gewesen ­ in den vergangenen Jahren. Es ist, wie gesagt, in Insiderkreisen ein Thema gewesen aber nicht in der breiten Öffentlichkeit. Und erst die Thematisierung des Missbrauchs der Kinder als das, was sie ist, hat zu dem Bewusstsein geführt, wo das Dilemma liegt. Es hat noch nicht die Antworten gegeben, aber es hat zu dem Bewusstsein geführt.

Und ein zweites Phänomen finde ich spannend in der Rückschau, dass wir in dieser Debatte auch gelernt haben, dass zwei völlig unterschiedliche Formen politischer Legitimation und politischer Beteiligung sichtbar geworden sind. Wenn ich es mal ganz einfach sagen darf: Die einen machen ein Gesetz, und die anderen machen eine online­Petition. Scheinbar unvereinbar. Und auch ganz egal, wie man die Zahl der 134.000 Unterstützer der online­Petition angesichts der 40 Mio. Internetnutzer wertet, für die Politik war diese onlinePetition in der Geschwindigkeit eine völlig neue Art öffentlichkeitswirksam für ein Anliegen einzutreten und sich auch politisch zu engagieren. Dafür muss Politik Antworten finden und vor allem muss Politik dafür auch mit denjenigen, die die Forderungen in den Raum gestellt haben, Schnittstellen finden. Und damit sind wir bei dem Thema "connected worlds" - können uns nicht davor drücken.

Meine Damen und Herren, ich glaube angesichts der Debatten, und ich habe die verschiedenen Ebenen versucht zu skizzieren, die die Sperrung kinderpornographischer Seiten im Internet ausgelöst haben, bin ich der Meinung, dass wir eine ganz neue Dialogplattform brauchen. Wir haben uns dazu positioniert im Koalitionsvertrag. Wir wollen und wir werden einen Prozess für diese grundsätzliche Diskussion schaffen. Und zwar ist mir dabei wichtig, dass wir, lernend aus den Schritten der Vergangenheit, eine breite Basis zunächst einmal schaffen, in die wir einbinden: Internetcommunity aber natürlich auch Politik und Wirtschaft, unterschiedliche Schutzorganisationen, der Kinderschutzorganisationen, genau so wie Eltern, Kinder Jugendliche. Tradierte Medien genau so wie onlineMedien ­ auch da war interessant zu sehen, wie unterschiedlich die Debatte in den letzten Monaten in den jeweiligen Medienformen geführt worden ist.

Wir möchten aber auch formal neue Wege gehen. Selbstverständlich die Diskussion face2face, im direkten Gespräch miteinander, aber gleichzeitig eben auch die Möglichkeiten des Internets nutzen, das ganze "live stream" basiert, diskutieren, in den Foren, in den Blogs, und diese Form des Dialogprozesses auf zu bauen. Zu lernen aus dem was passiert ist aus der Vergangenheit. Aber daraus nicht zu sagen: Jeder zieht sich in seinen Schmollwinkel zurück, sondern im Gegenteil, zu sagen: diese Metaebene, diese grundsätzliche philosophische Diskussion müssen wir miteinander führen, wollen wir miteinander führen. Weil, wenn Menschen miteinander umgehen, ganz egal wo sie miteinander umgehen, ob es auf dem Schulhof ist, ob es in der UBahn ist oder ob es online ist, es immer wieder die Frage ist, wie kann man im Zusammenleben von Menschen Regeln, Werte, Achtung, Fairness, Menschenwürde, sie können es in verschiedene Kategorien packen, lebbar machen.

Das macht eigentlich das menschliche Gesicht einer Gesellschaft aus. Und das sind die Globalisierungsprozesse, die wir in der Finanzkrise erlebt haben. Auch da ist die Frage der Achtung, der Würde, des Anstands untereinander, ein hoch interessantes Thema gewesen, sind genau diese Themen, die durch die Internetdiskussion der Sperrung kinderpornographischer Seiten, man kann vielleicht sagen: hochgespühlt worden sind, nicht, dass sie vorher nicht da gewesen wären. Aber sie sind jetzt so öffentlich, dass die Zeit auch reif ist sich diesem Thema in einer breiteren und in einer neueren Form zu wittmen.

Mir geht es dabei um 5 Punkte:

1. Wir brauchen eine breite Diskussion um die Netzpolitik. Wir brauchen genau diese Diskussion die auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Branchen oder Interessengruppen ganz unterschiedlich geführt wird, aber die müssen wir zusammenführen. Wie lässt sich eine freie Meinungsäußerung und die Einschränkung strafbarer Inhalte eigentlich vereinbaren? Lassen sie sich vereinbaren? Wie garantieren wir einen freien Internetzugang für Erwachsene und gleichzeitig die notwendige Sicherheit für Kinder und Jugendliche. Wie lassen sich eigentlich kommerzielle Interessen und Schutzinteressen. Und hierbei müssen wir alle Verantwortlichen einbinden.

2. Zum Thema Transparenz gehört Aufklärung. Wir müssen auch über die Risiken reden. Wir reden viel, und das ist richtig, über die unglaublichen Chancen und die unglaublichen Möglichkeiten. Die faszinierenden "neuen Wege". Es enthebt uns nicht der Pflicht auch über die Risiken zu reden. Das gilt übrigens nicht nur für Kinder und Jugendliche, das gilt genau so für Erwachsene. Ich brauche Ihnen nicht im Detail zu sagen, dass das Internet niemals vergisst, dass persönliche Daten geklaut, missbraucht werden Können. Wir haben die Diskussion im Augenblick ganz aktuell. Ich brauche ihnen nicht zu sagen, dass es auch andere Informationen gibt über Gewalt, über Rassenhass, über Drogen, über sexuelle Gewalt. Mich treibt aber am meisten die neue Form der Ausgrenzung von Menschen, der Demütigung von Menschen und vor allen Dingen der gefährlichen Kontakte. Gerade im Bezug auf Kinder und Jugendliche. Auch das sind Themen, die wir nicht bei Seite schieben können. Sie tragen Stichwortnamen wie "cyber­bulling", "cyber­mobbing", "grooming". Im Vergleich mit der Kinderpornographie, die fast ausschließlich die Kinder in der vorpubertären Phase betrifft, missbraucht, ist beim "grooming" vor allem der 14 und 17 Jährigen betroffen. Also die klassischen "digital natives". Studien über das "grooming" zeigen, und auch das muss offen angesprochen werden, dass die Mehrzahl der älteren Täter ihr Opfer später real treffen und sexuelle Handlungen bis hin zur versuchten Vergewaltigung oder sadistischen Handlungen vornehmen. Das ist Lebenswirklichkeit. Und deshalb ist es wichtig, dass wir auch in diesen breiten Foren diskutieren. Wie können wir denn die Sensibilität für den Schutz der eigenen Daten stärken, aber wie können wir auch diese Phänomene erfassen ehe wir ohnmächtig ihren Auswirkungen gegenüber stehen, uns damit auseinander setzen, wie der Umgang miteinander auch die Züge trägt, die wir uns wünschen für eine Gesellschaft. Wir können diese Themen nicht totschweigen, ich sage das noch einmal. Bei der Kinderpornographie die nicht neu ist, hat es 10, 15 Jahre gedauert, bis das Thema so weit auf der Agenda war, dass es öffentlich diskutiert wurde. Wir müssen konkret werden bei diesen Themen. Ich weiß die Antworten nicht. Wir müssen darüber reden, aber dann müssen wir auch handeln, wenn wir Lösungswege finden. Dieser Verantwortung, meine Damen und Herren, kann sich keiner entziehen und deshalb ist es auch so spannend diesen Weg gemeinsam zu gehen.

3. Wir brauche fest akzeptierte Spielregeln für das Miteinander im Netz. Ja, es gibt bereits Selbstregulierung. Es gibt das Thema der "Netiquette" im Netz, sie alle kennen es. Wichtig ist bei diesen Formen immer wieder oder nicht nur zu sagen, das haben wir jetzt etabliert, das geht so, sondern, dass sie angewandt, dass sie durchgesetzt, dass sie weitergegeben, aber vor allem, dass sie weiter entwickelt werden. Wir haben gelernt, aus dem was wir bei den internationalen Kongressen und mit den internationalen Kontakten, gerade bei dem Thema des Kinder­ und Jugendschutzes, ausgetauscht haben: die Erfahrung ist, dass gerade bei Jugendlichen die Lernprozesse einfacher, unkomplizierter, authentischer gehen, wenn Jugendliche von Jugendlichen lernen, also die peer2peer­Ansätze. Das ist ein Ansatz, der in den USA schon mit großem Erfolg erarbeitet worden ist, nämlich Jugendliche so fit zu machen, dass sie selber Verantwortung nehmen, in einem Feld, wo sie viel kompetenter sind und damit auch authentischer anderen Jugendlichen deutlich machen, wo Grenzen sind, wo Gefahren sind, wo Hilfe aber auch gefunden werden kann. Ich habe Jugendliche gesprochen die das machen und die eigentlich sehr plastisch und einfach auch thematisierten, dass sie sagten: Ich habe das selbst erlebt, ich weiß, was das ist. Ich habe jetzt Mittel und Wege gefunden und gelernt, wie ich damit umgehen kann. Aber ich will, dass andere das nicht erleben und ich will ihnen deutlich machen was sie tun können. Und sie können es in einer Sprache und sie können es in einer Form, die viel einprägsamer ist und von Jugendlichen viel selbstverständlicher angenommen wird, als das die Welt der Erwachsenen könnte. Andere Themen sind die viel diskutierten "Hilfebuttons" für Jugendliche, wenn sie feststellen, dass sie auf gefährliche Inhalte stoßen ­ wir haben viel darüber diskutiert nach dem Amoklauf in Winnenden ­ oder aber, wenn ihnen jemand im Netz zu nahe kommt, oder aber, wenn sie Sorge haben um jemanden im Netz, der Äusserungen tut, wo sie sagen müssen, jemand muss doch da helfen und dann auch tatsächlich Hilfe zu finden. Da sind Lösungen möglich und diese auch gemeinsam zu finde, so dass sie akzeptiert und durchgesetzt ist meines Erachtens richtig. Es geht hier eigentlich auch um Kreativität, es geht auch um Einfallsreichtum. Das wird, was zu Recht immer so hoch gelobt wird und begeistert aufgenommen wird über das Thema Internet, was für eine Kreativität das auslöst, nämlich rund um das Prinzip der freiwilligen Selbstregulierung. Entscheidend ist: Es muss funktionieren. Es dürfen nicht nur warme Worte sein. Und entscheidend ist, dass wir uns bewusst machen, dass das, was über Selbstregulierung gut funktioniert, nicht gesetzlich geregelt werden braucht. Also, es ist der beste Schutz vor Gesetzen, wenn die Selbstkontrolle, die Selbstgabe von Regeln funktioniert.

4. Ja, aber wir müssen auch über das Thema reden, wie Gesetze, die im Alltag gelten, im Internet ebenfalls gelebt werden, durchgesetzt werden. Noch einmal: Themen, wie das Recht, ich weiß es hat nationale Grenzen ­ aber es gibt auch internationales Recht, vor allem aber Menschenwürde, sind unteilbar, sie gelten online wie offline. Und zwar nicht nur theoretisch sondern zu jeder Zeit und an jedem Ort. Das ist so selbstverständlich und dennoch betone ich es noch einmal, denn es ist so viel leichter gesagt als getan. Die Bekämpfung des Missbrauchs von Kindern steht für mich dabei weiter im Zentrum. Wir haben uns deshalb auch im Koalitionsvertrag darauf geeinigt, dass die kinderpornographischen Inhalte, eine heftige Debatte, die wir geführt haben über die Sperren, jetzt für ein Jahr lang nicht wie geplant gesperrt werden, sondern dass die obersten Polizeibehörden versuchen durch internationale Verbindungen und internationalen Druck, die Seiten löschen zu lassen. Nach dem Prinzip "löschen vor sperren". Das geht nur in weltweiter Kooperation. Es wird aber auch die berechtigte Forderung "löschen vor sperren" auf den Prüfstand stellen und ich glaube, das ist auch das Ziel allen politischen Handelns, es an der Umsetzbarkeit im realen Leben messen lassen. Wir müssen erfolgreich sein auf diesem Gebiet. Wir können nicht weiter filibustern oder Jahre ins Land gehen lassen. Wir setzen hier auf die Mitarbeit der Internetwirtschaft, der NGOs und der Providernetzwerke, nicht nur der obersten Polizeibehörden. Und wir werden nach einem Jahr Bilanz ziehen und bewerten können auch anhand von Zahlen, wie viele Bilder sind tagtäglich gefunden worden in der internationalen Vernetzung der obersten Polizeibehörden, wie viele Bilder sind gelöscht worden und in welcher Zeit sind sie gelöscht worden. Denn Zeit ist Geld, auch in diesem kriminellen Markt. Und wir werden bewerten können, ob das reicht. Und wo nicht gelöscht werden kann wird sich erneut die Frage stellen: Was tun? Denn: Wegkucken kann jetzt keiner mehr.

Wir brauchen 5. ein sicheres Netz für jüngere Kinder. Kinder, ich spreche hier nicht von Jugendlichen sondern Kindern, bewusst, brauchen geschützte Surf­ und Chaträume, die für sie spannend sind. Wo sie den Umgang mit Suchmaschinen, mit Spielen, mit eMails, mit Chatfreundschaften, mit "chatrooms" ohne Risiken kennen lernen können. Solche Angebote gibt es noch nicht in ausreichender Zahl. Wenn ich ihnen jetzt die Zahlen nenne, die "jugendschutz dott net", die sicheren Chatplätze, dann merken sie, wie unterirdisch klein sie ist. Es sind rund hundert "websites" die als sicher für die Kinder eingestuft werden. Ich will nicht sagen, dass die anderen unsicher sind, damit wir uns da nicht missverstehen. Aber wie wenig da investiert worden ist, diese bewusst sicheren Seiten zu etablieren, spricht auch Bände. Vielleicht auch weil wir uns nicht bewusst geworden sind, wie wahnsinnig schnell die Kinder aufgeholt haben und sich in diesen Welten bewegen. Deshalb möchte ich auch darüber sprechen wie wir die Kreativität und den Einfallsreichtum des Internets an dieser Stelle weiterentwickeln können.

Meine Damen und Herren, was ich ihnen hier in 5 Punkten skizziert habe sind Impulse, gewachsen auch aus den Lernerfahrungen des letzten Jahres, der scheinbar unversöhnlichen "clashes of culures", die wir erlebt haben, die aber ausgelöst haben eine faszinierende Diskussion in unserem Land, noch einmal, wie Themen der Menschenwürde und der Freiheit, die höchsten Güter die wir haben, jeden Tag neu erarbeitet und neu erkämpft und durchgesetzt werden müssen. Ob es auf der Straße ist, ob es online ist und gerade bei dem Erobern neuer Welten um so herausfordernder sind, weil die Antworten eben nicht einfach sind und nicht direkt vor uns liegen. Ich stelle sie zur Diskussion. Wir werden diesen Diskussions­ und Forumsprozess eröffnen, wie eben skizziert.

Ich lade jede und jeden ein mit diese Themen weiter zu entwickeln. Wir brauchen neue Strategien in gemeinsamer Verantwortung. Mit dem Staat, mit der Gesellschaft, mit der Internetwirtschaft. Aber auch mit der "internetcommunity" und ich hoffe, dass wir dadurch die scheinbare Sprachlosigkeit zwischen den eben genannten Feldern beenden können. Ich persönlich glaube nicht an den Zusammenprall vermeindlich so unterschiedlicher analoger und digitaler Kulturen. Denn schlussendlich ist die Welt eine in der Menschen miteinander umgehen. Wir alle nutzen und schätzen das Internet, das brauche ich nun hier gerade nicht zu sagen, aber wir alle wollen auch, dass das Internet ein Ort ist, in dem Freiheit ebenso respektiert wird wie Menschenrechte. Und wir alle wollen ein Internet in dem Recht und Gesetze, die wir für uns in Anspruch ja nehmen wenn wir in Not sind, gelten. Wir wollen alle vor allem auch ein Internet, in dem unsere Kinder sicher surfen können und lernen können, hineinwachsen können.

Mit anderen Worten, wir haben eigentlich viel mehr gemeinsam als es zuletzt schien und deshalb sollte vielleicht das Motto sein, des Aufbruchs, dieses Dialogprozesses: "connected worlds" ­ wann, wenn nicht jetzt? Vielen Dank.

PS: Es schadet sicherlich nicht, wenn man trotz CC0 erwähnt, dass es Stefan Becker war, der sich die Mühe gemacht hat, das zu transkribieren.