“Das Schweigen überwinden”

Von Dorothée Hahne

Am 21. September 2010 wurde in öffentlich-rechtlichen Medien (z. B. der Tagesschau) mit der Überschrift "Das Schweigen brechen" darüber berichtet, dass die Missbrauchsbeauftragte des Bundes Frau Dr. Bergmann eine Öffentlichkeitskampagne zum Thema Missbrauch startet.Während sich seit Monaten Gelegenheit bietet zu verfolgen, wie am von der Regierung zusammengestellten "Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich" die Missbrauch-Fachspezialisten unter sich darüber beraten, kinderpornographische Inhalte im Internet zu blocken und sich das Thema Missbrauch offensichtlich auch noch dazu missbrauchen lässt, das Internet deutschlandweit (und EU-weit) mittels der Exekutive regulieren zu lassen, wobei die Teilnahme von Missbrauchsbetroffenen außer acht gelassen wird, zeigt sich in dieser Aktion, wie sich der mangelnde Dialog mit den Missbrauchsbetroffenen ganz offensichtlich auswirkt: Die Wortwahl offenbart, wer ab jetzt dafür sorgen soll, dass Täter nicht mehr länger unentdeckt bleiben können: die Opfer und Überlebenden!

Zweck der Kampagne scheint auch vorrangig, die Täter zu strafen und Opfer mit Geld zu entschädigen, aber keine Strafe kann das krankhafte Verhalten von Tätern verändern und kein Geld der Welt kann den Schaden der Opfer wieder gutmachen. Wenn es einen Schritt zur Heilung gibt, dann nur durch wirkliches Verständnis darüber, was wie und vor allem WARUM geschieht!

Wer sich auch nur annähernd inhaltlich mit Missbrauch beschäftigt hat, wird als zentralen Punkt feststellen können: Missbrauch bricht die Seele der Betroffenen und da ein Großteil des Missbrauchs in Abhängigkeitsverhältnissen Schutzbefohlener geschieht: Missbrauch bricht und zerstört Vertrauen. Die Schwierigkeit bis Unfähigkeit der Opfer und Überlebenden zu vertrauen (z.B. in Form von Kontrollzwängen usw.) ist eines der gravierenden Merkmale, an dem Missbrauch erkennbar wird.

Aber die maßgebliche Voraussetzung dafür, dass Missbrauch überhaupt stattfinden kann, ist, dass das Umfeld wegschaut und nicht wahrhaben will, was nicht sein soll und primär dadurch wird ermöglicht, dass die Täterschaft zustanden kommen kann und unerkannt bleiben kann.

Opfer, die schweigen, schweigen nicht um Täter zu schützen, sondern um sich selber zu schützen und um ein letztes seelisches Überleben zu retten.

Wer von Missbrauch betroffen ist, "durfte" in unserer Gesellschaft auch die Erfahrung machen, dass einen Missbrauch zu überleben oft ein Kinderspiel ist im Vergleich dazu zu bewältigen, wie die Gesellschaft damit umgeht; denn wer sich versucht anzuvertrauen, muss damit rechnen, dass nicht geglaubt wird, dass missverstanden wird und dass aus Unverständnis und im schlimmsten Fall aus propagandistischen Gründen oder/und geiler Sensationslust weitere überlebensnotwendige Grenzen der Opfer bereits auf verbaler Ebene überschritten werden.

Wenn Überlebende aufgefordert werden, Ihr überlebensnotwendiges "Schweigen zu überwinden", ist es zuallererst notwendig ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Gewalt bereits auf verbaler Ebene anfängt und deshalb auch zuallererst ein Anfang gemacht werden muss, Gewalt genau dort zu beenden. Wünschenswert ist, dass die Regierung mittels Ihrer eigenen Medien mit bestem Beispiel vorangeht und in der Gesellschaft ein Bewusstsein für die wirklichen Notwendigkeiten schafft, damit zukünftig sowohl auf physischer als auch psychischer Ebene Gewalt präventiv vermieden werden kann und Täter erst gar nicht zu Tätern werden. Und das kann man nicht mit einem Bruch beim Schweigen der Opfer bewirken, sondern nur, indem sich die Fähigkeit zur Mitmenschlichkeit der Gesellschaft ändert.

Mogis e.V. fordert deshalb einen inhaltlich sinngemäß ausgerichteten Dialog von Überlebenden mit denjenigen, die politische und somit gesellschaftlich relevante Entscheidungen zu verantworten haben!