Deutschland: sexueller Missbrauch zum Sondertarif

Oder: Von nützlichen Tätern und unbequemen Opfern


ein Gastbeitrag von Jaccuse

´Die Jesuiten sind die Minenspürhunde der Kirche.´ So sagt man. Wenn man darüber nachdenkt und dabei in Betracht nimmt, dass die Kirche bereits ca. 2000 Jahre existiert, dann versteht man, dass man in größeren Zeiträumen denken muss, um die Dinge richtig einordnen zu können.

Wie hieß es doch zu Anfang der Affäre? ´Die 68er sind schuld!´ Und ja, das stimmte. Jedenfalls in gewissem Sinne.

Natürlich gab es Missbrauch auch in der Kirche schon immer. Aber Pater Georg (Name geändert) war eine neue Art.  1968 trat er zu seiner steilen und langen Karriere am Aloisiuskolleg in Bonn-Bad Godesberg an. Er hat den Nacktheitswahn und Freikörperzwang am AKO eingeführt. Als Erklärung diente, dass die Schüler allzu prüde seien und dabei allzu gerne ihre eigene Körperhygiene außer acht lassen würden.

Ja, mit Hygiene kannte er sich aus, war er doch als junger Frater bei den Exerzitien in Frankfurt bereits als Spanner unter den Duschen aufgefallen. Und so hat man denn auch den jungen Frater Georg während seiner Zeit als Referendar schon an die Odenwaldschule geschickt. Wie gesagt, die Jesuiten waren den modernen Dingen gegenüber neugierig. Die Minenspürhunde des Vatikans.

So hat er es also ausprobiert, der gute Jesuit, erst als Internats- dann als Schulleiter, wie weit man denn nun gehen dürfe im neuen und modernen Zeitalter ohne Prüderie. Nicht so weit, dass man die Intimsphäre eines Kindes verletzt. Das weiss man jetzt, ein halbes Jahr nach seinem Tod. Georg, der brave Minenspürhund des heiligen Stuhls, hat die Grenzen überschritten. Er hat sich strafbar gemacht. Und die Minen sind hochgegangen. Es hat Schaden gegeben. Es hat geknallt. Hauptsächlich bei den Betroffenen dieses katholischen Experiments. Deren Leben und das der Angehörigen der Opfer hat jetzt viele Löcher.

Aber wer übernimmt nun die Verantwortung? Für die Maßstäbe der Kirche vor nicht allzu langer Zeit, hat man solche unbequemen Opfer einfach des Hofes oder des Sprengels verwiesen, mit ein wenig Wegzehrung ausgestattet aus der Stadt gejagt. Aber heute? Geht das noch? Das Vertreiben und den nachträglichen Rufmord an den ´Versuchsobjekten´ hat Georg ja größtenteils selbst erledigt. Aber die ´Wegzehrung´ hat er dann doch keinem gegönnt.

Viele sind ohne Schulabschluss durch Pater Georg des Kollegs verwiesen worden. Dem Umfeld hat man erzählt, dass dies zum Wohle aller nötig sei, da es sich um besonders schädliche Individuen handeln würde. So war denn für die Opfer auch das soziale Umfeld gleich mit zerstört. Inzwischen weiss die Öffentlichkeit, der Staat, alles über den Missbrauch von Autorität und Vertrauen an kirchlichen Einrichtungen. Und das ist jetzt die Frage. Geht das in Deutschland? Muss man hier als Schulträger Verantwortung übernehmen? Bistümer und Vatikan versuchen es erst mal so.

Natürlich kostet der Erhalt der historischen und prächtigen Immobilien hohe Summen, auch die Reisen des Oberhauptes der Kirche erfordern hohe Ausgaben, damit diese in angemessenen Rahmen erfolgen können. Nach Angaben des vatikannahen Dom-Radios, hat alleine die Reise nach Regensburg 2006 bereits 20 Millionen gekostet. Diese Reisen sind notwendig, auch um die Wogen der Empörung wieder zu glätten. Müsste man nicht aber auch den Betroffenen gönnen, sich erholen zu können, sich im Leben wieder einzurichten, ihre Wunden heilen zu lassen? Die Opfer waren Teil eines Versuchs. Was geht im neuen Zeitalter, was nicht? Wie soll sich die Kirche zur Sexualität stellen? Der Versuch ist für die Opfer schlimm verlaufen, für die Kirche weniger. Da waren die Jesuiten vor.

Und die steuerzahlenden Bürger, die sich jetzt erschrocken von der Kirche abwenden? Tut das der Kirche weh? Nun, das waren wohl alles
nicht Leute, die zum harten Kern gehörten. Die Spreu vom Weizen trennen, die Reihen schließen, das ist wohl eher ein nützlicher Neben-Effekt.

So sei es ihnen denn vergönnt weiterhin in Palästen mit Gold, Brokat und Weihrauch zu leben. Viele haben diesen Traum gehabt, von der rundum nützlichen Institution in dieser Welt, die das Gute repräsentiert, die Toten würdig begräbt und die jungen Paare verheiratet, mit einem Engel in weiß an ihrer Spitze. Viele träumen noch. Dass diese Organisation die Hälfte der guten Menschen dieser Erde, die Frauen von den wichtigsten Ämtern ausschließt und dann auch noch all die Männer die ihre Sexualität mit gleichwertigen Partnern leben wollen, hat gezwungenermaßen zu einer extremen Auswahl von entweder hochmotiviertem oder fehlmotiviertem Personal geführt.

Wir alle werden dieses Loch im Moralgefüge spüren, die dieser geplatzte Traum hinterlässt. Es hat nicht sollen sein. Traurig genug. Aber dass man, nachdem die Jesuiten die Schmutzarbeit gemacht haben, jetzt zum ´Business as usual´ übergeht, könnte doch etwas vorschnell sein. Die Jesuiten haben die Minen hochgehen lassen. Woher ist man sich aber so sicher, dass sie auch Spezialisten im Aufräumen sind? Dass man es schaffen kann, alle Schäden verschwinden lassen zu können, mit 5.000 Euro?

Nein, von allen diesen Problemen in Deutschland ist der Vatikan weit entfernt. Der Staat zieht weiter brav beim Steuerzahler den Obulus für die Kirche ein, bezahlt treu die Bischofsgehälter. Kann der Papst wirklich so tun, als ginge ihn das alles nichts an und als wäre es mit ein paar schönen Worten und einem Segen getan. Er ist als junger Dozent am Aloisiuskolleg ein- und ausgegangen, während bereits der eine oder andere Alt-Spürhund als Vorläufer Pater Georgs dort sein Wesen trieb. Teilweise auch bereits als ´Moderner´ Pädagoge.

Benedikt XIV ist gefordert. Er muss Stellung beziehen. Er ist einfach auf zu viele verschiedene Arten mit diesem neuen Fall verbunden, um hier noch auf Distanz zu bleiben. Wir fordern, dass er sich uns stellt. Dass er sich zu den Dingen am Aloisiuskolleg erklärt. Immerhin war er auch Vorsitzender der Glaubenskongregation, eine Nachfolgeorganisation der einstmals gefürchteten Inquisition. Er hat auch die Verordnung ´Delicta graviora´, nach der gravierende Delikte von Kirchenleuten an eben diese Kongregation aber nicht nach außen zu melden waren, mit veranlasst. Dies war das alte Schweigekartell, das man jetzt öffentlich gelobt zu lockern. Zu befürchten steht, dass dieses alte Schweigekartell durch eine Mauer von Klagen und einer Heerschar von Anwälten ersetzt werden könnte, die jetzt den Opfern die Möglichkeit nehmen sich zu äußern.

Wir wissen inzwischen, dass das übergriffige Verhalten Pater Georgs im Orden bekannt war, dass dieser aber viel zu nützlich war, als dass man ihn hätte aufhalten wollen.

Wir möchten wissen, was man im Vatikan wusste und wie die Kontrollen innerhalb der Kirche funktionieren. Wir möchten wissen, was der ehemalige Leiter der innerkirchlichen Ermittlungsbehörde wusste. Wir möchten wissen, wie man im Vatikan zu verfahren entschieden hat? Wir möchten wissen, ob sein Verhalten etwa auch im Bistum bekannt war.

Wir wollen, dass die auffällig hohe Zahl an Suiziden am Aloisisuskolleg und im Umfeld noch einmal individuell unter heutigen Gesichtspunkten untersucht wird. Das Team um Frau Professor Zinsmeister hatte hierfür zu wenig Zeit [1].

Wir fordern ein Wort aus Rom dazu, wieso man Geschädigten in Irland zum Beispiel 67.000 bis 300.000 EUR zahlt (wobei die Kirche eben ein paar Ländereien verkaufen musste) jedoch in Deutschland Opfer mit 5.000 abspeisen möchte.

Darüber sollte wohl noch einmal geredet werden. Sollten nicht wenigstens für die katholische, ´allumfassende´ Kirche alle Menschen gleich sein, egal wo auf Erden?

Es scheint so, als wäre in diesem Land sexueller Missbrauch so günstig wie sonst nirgendwo. In den Kirchen und in den Einrichtungen des Jesuitenordens ist viel Schaden angerichtet worden. Können diese Institutionen sich jetzt sofort wieder zu moralischen Autoritäten aufschwingen, die anderen Vorschriften machen? Und gleichzeitig die eigenen Opfer mit Almosen abspeisen ohne auf diese einzugehen? Man spricht zwar in der Öffentlichkeit von Hilfen und Therapien, aber man kann auch vernehmen, dass hinter den Vorhängen Klagen und Anwälte eingesetzt werden, um die Betroffenen zum Stillschweigen zu vergattern. Es ist die Rede von Klagen bis zu 70.000 Euro wenn sie sich äußern.

War das der Sinn dieses Kirchenexperiments dies festzustellen, ein Ausprobieren, ein Kräftemessen mit dem Staat, ein Testen der Toleranz der Bevölkerung? 70.000 Euro für einen beleidigten Pater, 5.000 für ein Missbrauchsopfer? Oder wollte man nur wissen, wie denn die sexuelle Revolution in der Kirche aussehen könnte?

Was hat man nicht alles versucht: Ablenken auf die Sportvereine, Vergleiche mit Zwangsarbeiterentschädigungen, man hat versucht die Betroffenen ehemaliger Heimerziehung gegen die Betroffenen aus Ordenseinrichtungen auszuspielen, dem Steuerzahler zu suggerieren, er müsste die Zeche Zahlen, wenn die Opfer zu viel Wiedergutmachung bekommen. Die Kirche ist nützlich und nicht geizig, jedoch sie sträubt sich den Betroffenen die Hand zu reichen. Die Opfer stören den Frieden, wenn sie reden.

Pater Georg hat viel für die Schule, viel für den Orden getan, sagt man. Und die Missbrauchsopfer sind jetzt nur der unbequeme Kollateral-Schaden?

Jaccuse 201102

[1] Hier der Bericht der Untersuchungskommission: Abschlussbericht_AKO_Zinsmeister.pdf, Kurzfassung von Frau Zinsmeister: Statement_Zinsmeister.pdf)



PS: Lieber Pater Kiechle (Provinzial der Jesuiten in Deutschland):

Sie sprechen von einer grossen Wende. Bitte holen Sie tief Luft und denken Sie dabei nach, bevor Sie noch einmal Geldsummen in den Mund nehmen, die Ihnen und den Opfern zur Schmach gereichen. Lassen Sie Vermittlungsgespräche zu. Für Sie wird das der erste Schritt in eine neue Zeit sein.

Außerdem würden wir Sie bitten den Zinsmeisterbericht noch einmal ganz sorgfältig zu lesen, oder jedenfalls dafür zu sorgen von der Presse nicht wiederholt so missverständlich wiedergegeben zu werden, denn es waren 18 nicht 5 Pater, die genannt werden. Also müssten sie die Frage stellen, ob denn nun 18 verschiedene Täter schon zu viel wären.

Vielleicht wollen Sie die Gelegenheit auch nutzen um kurz im deutschen Strafgesetzbuch zu blättern, die Paragraphen 176 und 176a sollen recht einschlägig zum Thema sexueller Missbrauch sein. Vielleicht wollen Sie damit eine paar Tage in Klausur gehen und Ihre Wahrnehmung der Verhältnisse am Aloisiuskolleg anpassen.

Jaccuse