Trau dich zu vertrauen

für eine mir am Herzen liegende Frau

*von Gabriele Gawlich*

In den letzten Wochen bin ich mehrfach mit der Meinung konfrontiert worden, dass man nur vertrauen könne, wenn man alles über die betreffende Person weiß: wie sie heißt, was sie erlebt hat, mit wem sie umgeht, welche Meinung sie zu den Dingen des Lebens hat, wie sie sich kleidet, welche Ausbildung sie hat, usw.

Ich habe etwas Zeit gebraucht, um zu verstehen, warum ich mich mit solchen Anforderungen so unwohl, so eingeengt fühle, und warum ich so instinktiv aggressiv reagiere. Jetzt weiß ich: für mich fühlt es sich so an wie totale Kontrolle und der Versuch der Manipulation. Diese Gefühle wecken böse Erinnerungen.

Wie viele von mir wissen, bin ich nicht mehr ganz jung – das Leben hat mich gelehrt, dass Kontrolle über Menschen nicht möglich ist. Menschen verhalten sich immer unerwartet – sie agieren aus ihren eigenen Lebenswelten und aus ihrem Erfahrungshorizont heraus. Sie zu manipulieren gelingt nur partiell.

Zwei der besonderen Merkmale, die wir Menschen haben, sind unsere Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Diese Fähigkeiten haben uns unser Überleben gewährleistet. Besonders wir, die wir von sexualisierter Gewalt in der Kindheit betroffen sind, haben diese uns eigene Flexibilität und Anpassungsfähigkeit benutzt, um das Grauen zu überleben. Nicht alle von uns haben es geschafft.

Nun versuchen viele von uns, die Kontrolle zu behalten über alle Variablen, die es so im Leben gibt. Dies ist das, was in der Soziologie mit Realitätsfiktion bezeichnet wird: Wir glauben daran, alles zu wissen, obwohl es uns unmöglich ist alle relevanten Details festzustellen. Und wir glauben, wenn wir alles wissen, dann können wir alles kontrollieren, und dann kann uns nichts mehr passieren, wir werden nicht mehr verletzt. Erst dann können wir entscheiden, ob wir vertrauen zu können.

So funktioniert das aber nicht. Vertrauen hat was mit Trauen zu tun. Und Sich-Trauen ist eine Vorleistung. Die muss man selbst als erster erbringen. Das macht Angst - das verstehe ich. Und es ist wahr, wenn ich mich traue, jemand zu vertrauen, kann ich verletzt werden. Und ich werde verletzt werden. Das ist mir passiert und das wird uns Menschen immer wieder passieren.

In der Kindheit waren wir darauf angewiesen, dass wir den richtigen Menschen vertrauten, da damals unser Überleben davon abhing. Aber wir sind inzwischen erwachsen. Als Erwachsene verfügen wir über alle Fähigkeiten, die uns ein Überleben trotz psychischer Verletzungen ermöglicht. Es wird weh tun, aber wir müssen nicht mehr daran zugrunde gehen. Jeder selbst hat sowohl die Fähigkeiten als auch die Verantwortlichkeit, das kleine ängstliche verletzliche Kind in sich zu beschützen. Leicht ist das nicht, dass wir das können, haben wir aber schon bewiesen - wir wären sonst nicht erwachsen geworden. Khalil Sibran sagt: „Das Leid brachte die stärksten Seelen hervor. Die allerstärksten Charaktere sind mit Narben übersäht.“

Die Kehrseite der Medaille ist die: Wenn wir uns trauen zu vertrauen, werden wir unser Leben außerordentlich bereichern. Wir werden wunderbare Menschen kennenlernen mit all ihren Fehlern und Schwächen und Widersprüchlichkeiten. Ich habe z. B. erfahren, dass auch Männer liebenswert sind, und frau auch ihnen vertrauen kann.

Wir werden das Leben spüren, schmecken, riechen und sehen können, weil wir nicht mehr durch den Panzer, den wir uns selbst aufgebürdet haben, eingeengt werden. Es wird unser eigenes Leben sein, unverwechselbar und einzigartig. Wir werden tolle Erfahrungen machen auf interessanten neuen Gebieten. Und wir werden die Liebe leben können, die kleine und die große.

DU kannst den ersten Schritt tun – Trau dich...