Hänsel und Gretel, oder: Das Ende des Märchens?

von Gabriele Gawlich

Wir alle kennen das Märchen von Hänsel und Gretel.

Es hat uns in unserer Kindheit begleitet und uns die Zuversicht gegeben, dass Alles gut wird. Würde dieses Märchen heute geschrieben, würde es wahrscheinlich anders enden:

Hänsel und Gretel entkamen mit knapper Not den Fängen der Hexe. Die Folgen für ihr Leben sind gravierend. Schwer traumatisiert, versuchen sie, ihr Leben zu bewältigen.

Von Hänsel ist bekannt, dass er wie sein Vater Förster werden wollte. Aufgrund der Käfighaltung und der daraus folgenden Bulimie kam nur eine sitzende Tätigkeit infrage. Er wurde Computerfachmann und hat heute eine eigene kleine Firma, von der er sich mehr schlecht als recht ernähren kann.

Gretel hat nach ein paar Jahren der Prostitution und Drogenabhängigkeit doch noch einen Job in einer Zeitarbeitsfirma gefunden. Sie nimmt an verschiedenen Fortbildungsmöglichkeiten teil, soweit es ihr instabiler psychischer Zustand erlaubt. Sie ist finanzielle Aufstockerin.

Endlich nach vielen Jahren wird der Missbrauch im Hexenhaus aufgedeckt (z. B. hier oder hier) – lange nachdem die Verjährung eingetreten ist.

Der Skandal ist so groß, dass die verschiedenen Betreiber der Hexenhäuser ihn nicht mehr vertuschen können. Hilflose Versuche der Schuldzuweisung an Hänsel („der Junge hat die Hexe verführt“) und Gretel (Bischof Hexer: „die paar Ohrfeigen, früher haben das alle so gemacht“) machen die Hexenhaus-Betreiber noch unglaubwürdiger.

Zwecks Schadensbegrenzung für die Hexenhaus-Betreiber wird auf Regierungebene eilig ein „Runder Tisch“ eingerichtet, der behauptet, die Situation von Hänsel und Gretel verbessern zu wollen. Dorthin werden alle Hexenhausbetreiber eingeladen, außerdem ein Wissenschaftler, der sich damit beschäftigt, die Hexer von ihrem Tun abzuhalten.

Die Betroffenen bleiben außen vor. Für sie wird eine Vertreterin delegiert.

Diese spricht nicht mit den beiden, sie informiert sich indirekt.

Nach einigen Gesprächsrunden am "Runden Tisch" wird von der Missbrauchsbeauftragten Hänsel und Gretel empfohlen, endlich ihr Schweigen zu brechen.

Die Hexenhaus-Betreiber lehnen Entschädigungszahlungen ab. Sie erwarten, dass sich die Betroffenen selber darum kümmern, bei den Hexen und Hexern ihre Ansprüche geltend zu machen. Nur wenn dies nicht gelingt, sollten sie von den Betreibern entschädigt werden. Höhere Geldleistungen werden nur dem Projekt versprochen, welches sich mit den Hexern befasst. Den Betroffenen werden nur wage Versprechungen gemacht, die nichts kosten.

Inzwischen suchen die betroffenen Märchenfiguren Kontakt zu anderen. Sie legen dem „Runden Tisch“ Empfehlungen vor, die von diesem nicht beachtet werden.

Es ist ihnen klar, dass die Hexenhausbetreiber alles versuchen werden, um sie ruhig zu stellen. Aber sie sind entschlossen, ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. Sie brauchen keine Stellvertreter und sie werden nicht mehr bequem sein.

Und weil sie nicht gestorben sind, so stören sie noch heute.

Ist das wirklich nur ein Märchen?