Gastbeitrag: Die Beschneidung meiner Tochter

[In eigener Sache: change.org/beschneidungsmoratorium]

Circumcising My Daughter


Dieser Beitrag stammt von Virginia W. aus Missouri, USA. Er ist zunächst auf Englisch auf ihrem Blog erschienen unter dem Titel Circumcising my Daughter.

Nachdem ich sehr sorgfältig darüber nachgedacht habe, habe ich entschieden, dass es sinnvoll wäre, meine Tochter zu beschneiden. Ich habe eine Menge nachgeforscht und dabei herausgefunden, dass es viel hygienischer ist. Es reduziert das Risiko für HIV und AIDS, auch ganz allgemein für sexuell übertragbare Krankheiten und für Krankheiten im urogenitalen Bereich – zum Beispiel auch für Pilzinfektionen. Die Vagina ist danach einfacher zu reinigen, und sie sieht auch besser aus als eine unbeschnittene Vagina. Sie riecht auch besser.

Und wenn ich es mache, solange meine Tochter noch ein Baby ist, wird sie sich später nicht daran erinnern. Außerdem: wenn ich es jetzt nicht mache, dann wird sie es vielleicht später einmal tun müssen, und als Erwachsene ist das wahrscheinlich schlimmer, weil sie sich dann daran erinnern wird. Außerdem wird dann wahrscheinlich ihre sexuelle Empfindsamkeit reduziert, da ist es besser, das jetzt zu machen, so wird sie später nichts vermissen.

Wenn ich meine Tocher beschneide, hat sie weniger Hautfalten, in denen Krankheiten und Infektionen leben können. Es wird auch die Feuchtigkeit reduzieren, das Risiko für Pilzinfektionen und Infektionen der Harnwege ist viel geringer. Es wird auch diesen schrecklichen Geruch der unbeschnittenen Vagina reduzieren. Weibliche Beschneidung senkt auch das Risiko für Gebärmutterhalskrebs, einfach weil das Risiko für eine HPV-Infektion geringer ist.

Ich habe schon Argumentationen gehört, die sagen, Beschneidung wäre „falsch“ und „barbarisch“, aber ich bin ihre Mutter und es ist meine Entscheidung. Ich bin es, die ihre Entscheidungen für sie trifft, bis sie selbst alt genug ist. Und ich bin mir sicher, dass es ihr nichts ausmachen wird, beschnitten zu sein, wenn sie älter ist. Sie wird niemals den Unterschied kennen!

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Sind Sie jetzt vollkommen entsetzt? Geschockt? Verwirrt? Denken Sie jetzt, was ich für ein schrecklicher Mensch bin? Wenn Sie nicht gerade in einer Gegend leben, in der weibliche Beschneidung als „normal“ empfunden wird, dann sind Sie jetzt wahrscheinlich mit Abscheu erfüllt.

Wenn ich so etwas lesen würde, wäre ich ganz sicherlich entsetzt! Weibliche Beschneidung IST Genitalverstümmelung! Ich würde NIEMALS wirklich darüber nachdenken, meiner Tochter etwas so Schreckliches anzutun. Wenn sie entscheidet, sich selber dauerhaft zu verändern, wenn sie ein informierter, einwilligungsfähiger Erwachsener ist, dann ist das ihre Entscheidung.

Ich habe nicht das Recht zu entscheiden, meine Tochter zu beschneiden – und bin mir sicher, dass Sie mir zustimmen würden. Es ist sogar illegal – ohne religiöse Ausnahmen – also selbst, wenn ich wirklich einen solchen Standpunkt hätte, wäre dieser irrelevant. (Einfach nur um das nochmal klarzustellen, ich unterstütze WEDER die männliche NOCH die weibliche Genitalverstümmelung, allgemein bekannt unter der Bezeichnung Neugeborenen-Beschneidung von Mädchen und Jungen.)

Jetzt lesen Sie bitte den Text oben noch einmal, und ersetzen Sie dabei „Tochter“ durch „Sohn“, „ihr“ durch „sein“ und „sie“ durch „er“. Wären Sie immer noch entsetzt? Ich wäre es, aber leider gibt es Tausende von Leuten, die überhaupt kein Problem mit so einem Pro-Beschneidungs-Standpunkt haben. Und tatsächlich gibt es Leute, die exakt die gleichen Argumente benutzen, um zu rechtfertigen, warum sie sich dafür entscheiden, die Genitalien ihrer Söhne zu verstümmeln.

„Aber es ist gar keine Genitalverstümmelung! Das ist einfach nicht dasselbe!“

Wirklich nicht? Beide Male wird ein gesundes, funktionierendes und notwendiges Organ beschädigt oder amputiert. Obwohl bereits widerlegt, lasst uns annehmen, die Beschneidung eines Jungen wäre hygienischer, einfacher zu handhaben und vielleicht sogar ästhetisch ansprechender. Ändert das etwas an der Tatsache, dass Teile am Körper eines Anderen ohne dessen Zustimmung beschädigt oder entfernt werden? Ich bin nicht gegen Beschneidung. Ich bin gegen Genitalverstümmelung an nicht-einwilligungsfähigen Menschen. Mögen diese männlich oder weiblich sein, 1 Tag, 10 Jahre oder 30 Jahre alt.

Der Versuch, das eine zur rechtfertigen und das andere nicht, ist sexistisch. Im Grunde ist er das Eingeständnis, dass Männer nicht dieselben Rechte haben sollten wie Frauen. Er ist das Eingeständnis, dass Jungen unwichtiger sind als Mädchen. Oder nicht so intelligent wie Mädchen, um lernen zu können, sich vernünftig zu reinigen. Oder vielleicht nicht intelligent genug, um sich gegen HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten zu schützen. Was macht diese Jungen so unfähig, dass sie diese Entscheidung nicht selbst treffen können?

Nehmen wir noch mal eine andere Perspektive ein. Was, wenn ich sagen würde, dass ich gerade einen Hundewelpen bekommen hätte und ihn beschneiden lassen möchte, aus all den oben genannten Gründen? An dem Welpen ist nichts, was diese Beschneidung notwendig machen würde, ich denke aber einfach, es wäre besser so. Ich bin der Hundebesitzer, sollte es also nicht meine Entscheidung sein? ich bin sicher, wenn ich überall „Tochter“ durch „Welpe“ ersetzen würde, wären die Leute genauso entsetzt. Das Wohlbefinden des Welpen wäre eingeschränkt, weil sein Penis dort freigelegt wäre, wo er eigentlich bedeckt sein sollte (genauso wie bei einem Neugeborenen). Es gibt keinen wirklichen Grund dafür, einen Welpen zu beschneiden, es gilt einfach als Tierquälerei.

Wird es langsam deutlich, wie grotesk die Routine-Beschneidung von Kleinkindern und Babies eigentlich ist? Wir geben unseren Hunden mehr Rechte als unseren männlichen Babys! Wie kann das nicht vollkommen falsch sein? Sie können mir alle Gründe der Welt angeben, warum die Beschneidung von männlichen Babys eine gute Idee sein soll, und diese Gründe können vielleicht sogar wirklich auf Tatsachen basieren, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ein Teil des Körpers eines männlichen Babys ohne seine Einwilligung entfernt wird.

Wir entfernen keine Brüste bei der Geburt, weil dadurch das Risiko gesenkt wird, an Brustkrebs zu erkranken, warum sollten wir also Vorhäute entfernen, weil dadurch das Risiko für einige Krankheiten gesenkt werdenkönnte, oder weil der Penis dann einfacher zu reinigen wäre? Diese Gesellschaft muss endlich anfangen, unseren Söhnen das Recht auf seinen vollständigen Körper an ihn zurückzugegeben, und endlich aufhören zu behaupten, es wäre eine Entscheidung, die den Eltern des Jungen zusteht.

Sind Sie immer noch nicht überzeugt, dass weibliche und männliche Beschneidung dasselbe sind? Naja, Sie haben Recht. Hier ist ein Video, das erklärt, warum männliche Beschneidung gleichzeitig mehr und weniger schwerwiegend als weibliche Beschneidung sein kann. Wir sind aber eigentlich schon über die weniger invasiven Formen der weiblichen Genitalbeschneidung entsetzt.

Wenn die routinemäßige Säuglingsbeschneidung auch Sie auf die Barrikaden bringt, dann vertiefen Sie sich weiter in das Thema. Hier sind einige Ressourcen zum Einstieg:
www.cirp.org
circumstitions.com
thewholenetwork.org
nocirc.org
drmomma.org
norm.org
circumcisiondecisionmaker.com

[Ergänzung des Übersetzers:
beschneidung-von-jungen.de
phimose-info.de
pflegewiki.de]

*Ich versuche nicht zu erreichen, dass sich Menschen schuldig fühlen – das kann ich gar nicht erreichen. Menschen können sich nur schuldig fühlen, wenn sie denken, dass sie etwas falsch gemacht haben. Damit habe ich nichts zu tun. Wenn Sie sich durch dieses Posting beleidigt fühlen, möchten Sie vielleicht ergründen, warum das so ist? Wenn Sie sich so sicher sind, dass die Entscheidung richtig ist, einen Jungen, aus welchen Gründen auch immer, zu beschneiden, warum sollte Sie dann ein Text verärgern, der gegen einige häufig vorgetragene Entschuldigungen argumentiert? Denken Sie mal drüber nach!

PS: freitag.de/der-staat-muss-die-schwachen-schuetzen

PPS: change.org/beschneidungsmoratorium