Offener Brief: An den Vorstand der Grünen Jugend

Betr. 41. Bundeskongress der GRÜNEN JUGEND 1.-3.11.13: beschlossener
Antrag zu Kinderrechten http://www.gruene-jugend.de/node/26680

Liebe Theresa, Alexandra, Stefanie, Julia, Katharina, Larissa, Felix,
Jan, Christopher und Erik!

Wir schreiben Euch als Mitglieder des Facharbeitskreises
Beschneidungsbetroffener im MOGiS e.V., in dem sich Männer organisieren,
die von einer im Kindesalter erfolgten Zwangsbeschneidung negativ
betroffen sind.

Wir begrüßen sehr, dass die Grüne Jugend bei ihrem Bundeskongress einen
Antrag beschloss, der - wie es zunächst scheint - "jegliche Gewalt"
ablehnt, "besonders die an Kindern".

Sehr befremdet hat uns die dort platzierte Fußnote, unter der erläutert
wird:

"¹: Explizit wird hier das Thema religiöse Beschneidung von biologisch
männlichen Kindern ausgeklammert. Der Antrag hat nicht den Anspruch zu
dieser kontroversen Debatte irgendeine Position zu beziehen."

Nun ist grundsätzlich erfreulich festzustellen, dass die Grüne Jugend im
Gegensatz zur Parteispitze der Grünen damit anerkennt, dass es sich bei
Zwangsbeschneidungen von nicht einwilligungsfähigen Jungen um einen
gewalttätigen Akt von Erwachsenen an Kindern handelt.

Die genaue Bezeichnung "biologisch männlicher Kinder" – um
sicherzustellen, dass intersexuelle Kinder von Eurer Ausklammerung nicht
erfasst sind - stellt eine in unserer Wahrnehmung sexistische
Unterwanderung des zuvor so inständig von Euch beteuerten Rechtes auf
körperliche und seelische Unversehrtheit dar.

Laut dieser Eurer Erklärung sind Mädchen und intersexuelle Kinder in
ihren Grundrechten schützenswerter als Jungen - und dies offensichtlich,
um damit als Grüne Jugend einer "kontroversen Debatte" auszuweichen.

Sind Kinderrechte nur universell gültig, wenn sich der Widerstand
dagegen im für die Grüne Jugend überschaubaren Rahmen hält?

Nicht von Eurer Definition berücksichtigt wurde eine große Gruppe von
Betroffenen: Viele von uns wurden gar nicht Opfer einer wie Ihr sie
nennt "religiösen Beschneidung". Es geschah aus Tradition, einfach weil
man es in unserer Herkunftskultur "so macht". Und was ist mit den
Jungen, denen aufgrund sexualfeindlicher Motive die Vorhaut amputiert
wird - weil Eltern es so "schöner" finden oder sie ihren Sohn z.B. an
der Masturbation hindern wollen?

Sind auch das für Euch Fälle von Gewalt gegen Kinder, über die Ihr
lieber nicht sprecht?

Wir erlauben Euch auf den aktuellen wissenschaftlichen und
menschenrechtlichen Diskurs zu diesem Thema hinzuweisen: am 12.12. fand
anlässlich des ersten Jahrestages des Gesetzes, das Vorhautamputationen
aus jeglichem Grunde erlaubt hat und Jungen damit in dieser Frage
lebenslang rechtlos stellt, eine Pressekonferenz im Haus der
Bundespressekonferenz in Berlin statt.

Die Veranstalter waren sieben Kinderrechts- und Ärzteverbänden, darunter
neben uns u.a. TERRE DES FEMMES - Menschenrechte für die Frau e.V.,
(I)NTACT, pro familia Niedersachsen, der Berufsverband der Kinder- und
Jugendärzte, die Deutsche Akademie für Kinder und Jugendmedizin und die
Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie.

Im Anschluss an dieses Schreiben findet Ihr eine Liste mit Links zu
Pressemeldungen dazu.

Weiterhin möchten wir ausführen, dass sich uns der Eindruck aufdrängt,
dass Euch nicht klar zu sein scheint, was Ihr mit solchen Aussagen bei
Betroffenen auslöst, die ihr Leben lang unter den möglichen
schwerwiegenden Folgen einer Zwangsbeschneidung leiden.

Ein wenig erinnert uns Euer Umgang mit diesem Thema an die verbrämte
Debatte um sexuellen Kindesmissbrauch und die angebliche Möglichkeit
einer Einvernehmlichkeit von Sexualität mit Kindern (insbesondere und
auch mit pubertierenden Jungen), die wegen ihrer Hörigkeit gegenüber den
Tätern viel zu lange brauchte, um die Rechte der Kinder und das Leid der
Betroffenen anzuerkennen.

Wir fordern Euch hiermit auf, Euch - wie es im Grünen Grundsatzprogramm
geschrieben steht - für unteilbare Kinder- und Menschenrechte stark zu
machen.

Für diese höchst notwendige Debatte stehen wir Euch gerne zur Verfügung.

So würden wir uns sehr freuen, von Euch zu hören.

Mit freundlichen Grüßen!

Alexander Mahmud Bachl - Sprecher Facharbeitskreis
Beschneidungsbetroffener im MOGiS e.V.

Önder Özgeday - Mitglied Facharbeitskreis Beschneidungsbetroffener im
MOGiS e.V.

Tayfun Aksoy - Mitglied Facharbeitskreis Beschneidungsbetroffener im
MOGiS e.V.

Unsere Homepages:

www.die-betroffenen.de

www.mogis-verein.de

Liste von Pressemeldungen zum Jahrestag des Beschneidungsgesetzes:

http://www.dw.de/beschneidungsgesetz-bleibt-umstritten/a-17285492

auf türkisch:

http://www.dw.de/s%C3%BCnnet-yasas%C4%B1-ele%C5%9Ftiriliyor/a-17289459

http://www.taz.de/!129312/

http://hpd.de/node/17409

http://www.focus.de/politik/deutschland/gesundheit-ein-jahr-beschneidungsgesetz-ngos-und-aerzte-ueben-kritik_id_3477928.html

http://www.saarbruecker-zeitung.de/sz-berichte/politik/Aerzte-Beschneidungsgesetz-gescheitert;art2815,5059793

http://www.welt.de/newsticker/news2/article122860433/Verbaende-erklaeren-Beschneidungsgesetz-fuer-gescheitert.html

http://www.augsburger-allgemeine.de/politik/ein-jahr-beschneidungsgesetz-ngos-und-aerzte-ueben-kritik-id28089457.html

http://www.aerztezeitung.de/news/article/851999/beschneidungsgesetz-aerzte-fordern.html

http://www.bundesforum-maenner.de/2013/12/beschneidung-von-jungen-jahrestag-des-beschneidungsgesetzes-am-12-dezember-2013/

http://www.berliner-umschau.de/news.php?id=24036&title=Ein+Jahr+Beschneidungsgesetz%3A+Experten+sehen+v%F6lligen+Fehlschlag&storyid=1001386858411

Broschüre des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte:

"Mann oh Mann - Informationen für Jungen und ihre Eltern, um die Intaktheit des Penis zu bewahren und Krankheiten vorzubeugen"

http://www.kinderaerzte-im-netz.de/bvkj/contentkin/psfile/pdf/27/Bvkj_com_0515d782931fde.pdf