Mein ganz subjektiver Bericht vom Gespräch am Runden Tisch

von Gabriele Gawlich

Das war ein aufregender Tag gestern! Mir wurde die Gelegenheit eingeräumt am Gespräch am Runden Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich“ teilzunehmen. Es fand an diesem Ort hier statt.

Ich und sieben andere Betroffene wurden von Frau Dr. Bergmann, der Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten, eingeladen. Man hatte unsere Kritik ernst genommen und wollte sich den Betroffenen stellen.

Insgesamt wurden wir vom Team um Frau Dr. Bergmann sehr gut und fürsorglich betreut. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass wir „vorgeführt“ oder „in die Pfanne gehauen“ werden sollten. Ich war als Expertin geladen und meine Expertensicht und die der anderen Betroffenen war gefragt. Ich danke Frau Dr. Bergmann und ihrem Team für die ausgesprochen respektvolle Betreuung und Zusammenarbeit. Diese half mir, Vertrauen zu fassen und mich in der Veranstaltung öffnen zu können.

Bereits einige Tage vorher erhielten wir die Themen, um die es gehen würde. Was wir darauf sagen wollten, war uns völlig frei gestellt.

Ein wenig Enttäuschung kam schon auf, als wir erfuhren, dass nur ca. 30 von den 60 Teilnehmern des „Runden Tisches“ anwesend sein würden. Es wird unterschiedliche Gründe für ihre Abwesenheit geben: andere wichtige Termine, Angst vor der Konfrontation oder schlicht Desinteresse an den Betroffenen? Aber die drei Ministerinnen, Frau Dr. Schröder, Frau Prof. Schavan und Frau Leutheusser-Schnarrenberger waren anwesend.

Im ersten Themenkomplex ging es um Faktoren, die uns, die Betroffenen am meisten behindert oder belastet haben. Hier gab ich eine kurze Schilderung meiner Leidensgeschichte, die ich an dieser Stelle nicht weiter thematisieren möchte. In dem Zusammenhang schilderte ich die Defizite, die sich im Laufe eines Lebens als Missbrauchsbetroffene akkumulieren und dafür sorgen, dass man ohne Schuld in Armut gerät. Ich schilderte auch die oft verständnislose Reaktion der Mitmenschen, wenn sie erfahren, dass ich eine Überlebende bin. Dazu gehört auch die Reduzierung auf den Opferstatus durch Ärzte oder Menschen, die mir vorschreiben wollen, wie ich als Opfer zu fühlen oder mich zu benehmen habe.

Ich ging nochmal auf die unzutreffende Darstellung der Betroffenen in den Medien ein: entweder als schwache Opfer, oder als skurrile bzw. dämonische Opfer-Täter oder kindliche Verführerin erwachsener Männer. Zum Schluss meines Beitrages wies ich darauf hin, dass opferzentrierte parteiische Forschungsergebnisse so gut wie nicht verfügbar sind.

Nacheinander nahm jeder der Betroffenen zu diesem ersten Themenkomplex Stellung. Es waren sehr authentische Berichte, die dadurch an Kraft gewannen. Es wurde deutlich, dass es in den einzelnen Berichten bestimmte Übereinstimmungen gab. Viele der Anwesenden waren tief gerührt und ihnen standen die Tränen in den Augen. Auch Fragen, die durch Fassungslosigkeit gekennzeichnet waren, wurden gestellt. Die Tatsache, dass wir als Kinder keine Hilfe bekamen und auch heute allein für Hilfe sorgen müssen, war für die Teilnehmer schwer zu akzeptieren.

Mir ganz persönlich bedeutet das Handeln von Frau Schwesig (Vorsitzende der Jugend- und Familienministerkonferenz) in diesem Augenblick sehr viel. Sie stand auf und entschuldigte sich für unser Martyrium bei uns. Ich bin nicht zu dem Gespräch gegangen, um eine Entschuldigung zu hören, ich habe das auch nicht erwartet. Aber bei mir hat sich in meinem Leben noch niemals jemand für mein Leiden entschuldigt. Und Frau Schwesig hat ja keine persönliche Schuld. Aber sie hat Verantwortung übernommen für die Gesellschaft. Mir bedeuten diese Worte sehr viel; sie haben mich berührt. Ich bin froh, dass es in diesem Land auch solche Politiker gibt.

Nach einer Pause mit Gesprächen und Schnittchen ging es zum 2. Teil. Hier wurde der Themenkomplex Unterstützung, Möglichkeiten der Umsetzung und Wünsche an die Politik besprochen.

Dies ist natürlich sehr umfangreich. Ich verwies hier erst mal auf den Forderungskatalog, den alle Teilnehmer bereits vor 6 Wochen erhalten hatten.

Dann stellte ich mein wichtigstes Anliegen an diesem Tag vor: Dieses Gespräch mit den Betroffenen darf nur der Beginn sein. Wir sollten unbedingt an allen Gremien, die unsere Belange betreffen beteiligt werden.

Danach warf ich noch ein paar Schlaglichter auf Wünsche, die sich aus meiner persönlichen Sicht ergeben:


  • eine Präventionskette bereits in den Einrichtungen, in denen kleine Kinder sind. Die Kleinen können sich nicht allein schützen.

  • in gutes Freizeitangebot, dass von allen Kindern genutzt werden kann

  • Zufluchtswohnungen, die von betroffenen Kindern und Jugendlichen auch allein bewohnt werden können (ohne Wohngruppe)

  • einen finanziellen Nachteilsausgleich, da wir Betroffene alle Schäden allein tragen müssen: Renteneinbußen, die Kosten für die Heilung, die Kosten aus gebrochenen Biographien, Kosten für Gutachten, für Verfahren usw.

  • die Stärkung der Stellung der Betroffenen vor Gericht – hier verwies ich auf die Umfrageergebnisse, die zeigen, dass nur 9 % der Taten mit einem Gerichtsurteil aufgearbeitet wurden. Ich erklärte nochmal meine Vorstellung von einer Schaffung eines Qualitätsmerkmals eines Fachanwaltes für Opferrechte.

  • eine öffentliche Aufklärungskampagne, die auch die Täterstrategien thematisiert, z. B. Manipulieren, Separieren, Entmenschlichen. Sie sollte Mut machen, zeigen, welche Möglichkeiten ein Außenstehender hat und darum unter Mitwirkung der Betroffenen entwickelt werden.

  • Nochmal verwies ich auf die Ergebnisse unserer Umfrage, die zeigen, dass die meisten Taten vom Opfer selbst aufgedeckt werden. Hier forderte ich Mechanismen zu installieren, die den Betroffenen größere Glaubwürdigkeit geben.


Am Ende wies ich nochmal darauf hin, dass dies Gespräch nur der Anfang sein kann. Der erste Schritt zur Bewältigung eines großen Problembergs.

Die anderen Betroffenen legten ihre Sicht und ihre Forderungen dar, u.a. nach Überarbeitung des Opferschutzgesetzes, nach leichter zugänglichen Therapieplätzen, nach Anerkennung des Opferstatus u.s.w. Vieles steht auch in der Presseerklärung der Unabhängigen Beauftragten (eventuell muss der Link zweimal angeklickt werden, Cookies müssen zugelassen werden).

Persönliche Statements der anwesenden Betroffenen als Botschaften an den Runden Tisch sind hier (gleiches Problem wie beim vorigen Link) zu finden.

Leider war die Zeit für eine wirkliche Diskussion zu kurz. Aber insgesamt war es eine konstruktive Auseinandersetzung. Ich habe erfahren, dass die Forderungen von MOGiS Beachtung gefunden haben und das Familienministerium daran arbeitet, einiges umzusetzen, z. B. die Präventionskette in Einrichtungen. Auch unsere Vorschläge gestern sind aufgenommen worden. Vielleicht lässt sich doch das Eine oder das Andere davon umsetzen.

Natürlich, weiß ich, dass wir nicht alles bekommen werden, was wir uns als Betroffene wünschen. Ich bin nicht blauäugig. Darauf wurde auch gestern von einigen Teilnehmern hingewiesen.Trotzdem habe ich ein gutes Gefühl – es hat etwas begonnen, wir sind auf dem richtigen Weg. Es wird langsam gehen, aber einfache Lösungen gibt es nicht.

Wir sind als Betroffene endlich wahrgenommen worden, nicht als Fälle, sondern als Menschen, die etwas zu sagen haben. Und ich weiß, dass ich keine Ruhe geben werden, um für die nächste Generation von Betroffenen etwas zu erreichen. Ich möchte in 10 Jahren feststellen können, dass sich was verbessert hat.